Armutskonferenz warnt vor sinkender Integrationskraft von Erwerbsarbeit

Mindestsicherung: Aus Armut ohne Arbeit in die Armut mit Arbeit - und umgekehrt. Sprüche von der "Integration in den Arbeitsmarkt" werden zu realitätsleeren und verlogenen Parolen.

Wien (OTS) - Eine aktuelle Studie mit Beziehern von Sozialhilfe
hat auf eindrückliche Weise die schwindende soziale Integrationskraft von Erwerbsarbeit gezeigt. Der Soziologe Manfred Krenn berichtet im Ö1 Morgenjournal von Menschen, die zwischen letztem sozialen Netz und schlechten, desintegrativen Jobs hin und her pendeln.

Schlechte Jobs machen die meisten doch ohnehin nur zur Überbrückung und bis sie was Besseres gefunden haben, meinen viele. Und freilich wünschen sich die Betroffenen auch wirklich rasch einen anderen und besseren Job. "Doch viele kommen aus ihrer schlechten Situation nicht mehr oder nur schwer heraus.", so die Armutskonferenz, deren Mitglieder 500000 Hilfesuchende im Jahr unterstützen und betreuen. Für Deutschland zeigen ebenfalls Studien, dass es für mehr als 70 Prozent der Billigjobber keinen Aufstieg in höhere Lohnsegmente gibt. Die in Plädoyers für die Einführung eines Niedriglohnsektors häufig verwendete Behauptung, Niedriglohn sei ein Sprungbrett in höhere Einkommensschichten, wird durch diese Ergebnisse widerlegt. Vielmehr führen die genannten Jobs für die Mehrheit zu einer dauerhaften prekären Einkommenslage ohne Ausstieg.

"Seit Mitte der 90er Jahre fördert Deutschland zu niedrig entlohnte Jobs", argumentiert OECD-Experte Herwig Immervoll. Langzeitarbeitslose hätten "nach wie vor einen vergleichsweise geringen finanziellen Anreiz, eine existenzsichernde Beschäftigung anzunehmen". Der künstlich und staatlich geförderte Niedriglohnmarkt ist eine Armutsfalle.

Sogenante "Pendler" und "Wiedereinsteiger" in die Sozialhilfe machen bereits 42 Prozent der Sozialhilfe/Mindestsicherungbezieher aus. Sie pendeln zwischen der Zone der Entkoppelung und der Zone der Prekarität. Aus Workless Poor werden Working Poor, aus der Armut ohne Arbeit geht es in die Armut mit Arbeit - und umgekehrt. Hier verkommen die Sprüche von der "Integration in den Arbeitsmarkt" zu realitätsleeren oder verlogenen Parolen. Hier findet keine soziale Integration statt. Im Gegenteil. Hier entsteht soziale Ausgrenzung durch die Arbeit selbst", warnt die Armutskonferenz.

173.000 Menschen in Privathaushalten leben unter Sozialhilfe-Bedingungen, darunter 30 Prozent Kinder. Frauen sind etwas stärker betroffen. Die Anzahl der Personen in Sozialhilfe ist seit dem Jahr 1999 um über 111.000 Personen angestiegen. Gründe dafür sind prekäre Jobs, nicht existenzsichernde Notstandshilfeleistungen, Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen und hohe Lebenshaltungskosten beim Wohnen. Prekäre Jobs mit daraus folgendem nicht existenzsichernden Arbeitslosengeld nehmen zu. Die neuen "working poor" erhalten von der Mindestsicherung "Richtsatzergänzungen", um zu überleben. Weiters haben Personen mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen. Besonders nehmen depressive Erschöpfungszustände zu: 4 von 10 Mindestsicherungsbezieher_innen haben gesundheitliche Beeinträchtigungen. Und die steigenden Lebenshaltungskosten beim Wohnen wirken sich bei geringem Einkommen überproportional stark aus.

"Wenn wir genau hinschauen, dann schaut vieles anders aus.", so die Armutskonferenz. Es trifft viele, die es sich "nie gedacht hätten ". Daten aus Wien zeigen, dass für die große Mehrheit die Sozialhilfe eine kurzfristige Überbrückungshilfe darstellt. Die durchschnittliche Bezugsdauer beträgt rund 7 Monate, bei 25 Prozent bloß 1 bis 3 Monate. Nur rund 10 Prozent der Mindestsicherungs-Haushalte leben zur Gänze und dauerhaft von der Leistung.

"Die soziale Disqualifizierung von hunderttausenden von Menschen wird nicht wahrgenommen. Ihre Situation wird heruntergespielt, mit leeren Parolen zugedeckt. Die Ignoranz rächt sich spätestens dann, wenn in dieser Arena des Kampfes um Anerkennung, die Demagogen und Hetzer das alleinige große Wort führen.", so die Armutskonferenz abschließend.

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Die Armutskonferenz
01/ 402 69 44 (Koordinationsbüro) oder 0664/ 544 55 54
(Martin Schenk)

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