Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 13. Jänner 2012. Von FLORIAN MADL. "Nagelprobe für die olympische Bewegung."

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Bei ihrem dritten Gastspiel in Tirol betritt die olympischen Familie Neuland. Die ersten Jugend-Winterspiele sollen den Vorwurf ausräumen, dass Professionalisierung und Kommerzialisierung bereits bei Teenagern salonfähig gemacht werden.

Zum dritten Mal gibt sich Tirol dieser Tage die Ehre, die olympische Familie zu beherbergen. Eine Art Friedensschluss mit jener Organisation, deren Besuch man im Rahmen zweier Volksbefragungen (1993, 1997) abgelehnt hatte. Über die Youth Olympic Games in Innsbruck, Seefeld und im Kühtai, die Jugend-Winterspiele also, erfolgt nun die neuerliche Annäherung.
Das Verhältnis der Tiroler zu den fünf Ringen ist ein gespaltenes. Das Wintersportland definiert sich nicht zuletzt über die Großereignisse von 1964 und 1976, auch die Sportinfrastruktur datiert in ihren Ursprüngen aus dieser Zeit. Und nicht zu vergessen: Über dem Olympischen Dorf, Seefeld, dem Baggersee, der Lizum oder dem Patscherkofel schwebt der Geist der längst vergangenen, aber immer noch nicht vergessenen Ereignisse. Spiele, die mehr als das befürchtete Verkehrsaufkommen mit sich brachten. Spiele der Einheit, der Völkerverständigung und des Fortschritts.
Innsbruck schrieb Geschichte, indem es dem Fernsehen und der Werbung die Tür öffnete. Das Non-Profit-Event Olympia erfuhr erstmals eine ökonomische Note, der ehrwürdige Ex-Präsident Avery Brundage ging als vehementer Gegner und Anachronist in die Annalen ein. So sehr sich der Hardliner auch dagegen stemmte, er vermochte den Zeitgeist nicht aufzuhalten.
Mit den ersten Jugend-Winterspielen betritt die Bewegung nun Neuland. Wieder einmal in Innsbruck. Und wieder einmal wird das hier Erlebte die Erfahrungswerte für künftige Veranstaltungen dieses Genres liefern. Wie üblich bei Großereignissen wird apokalyptischen Visionen Platz eingeräumt: Die frühzeitige Professionalisierung der Jugendlichen - durch die Medaillenvergabe würde diese bedenkliche Entwicklung eine zusätzliche Steigerung erfahren. Und dann die Kommerzialisierung, so etwas wie der kaum wahrnehmbare Feinstaub, widerspreche dem olympischen Reinheitsgebot, der Idee der Werbefreiheit. Gerade bei Heranwachsenden, deren Urteilsfähigkeit im Internetzeitalter auf eine harte Probe gestellt wird, sei das abzulehnen. Mit einer Aufwertung des Rahmenprogramms will man nun ein Äquivalent schaffen, um den Wettkampfcharakter zurückzudrängen. Länderübergreifende Teambewerbe mögen zusätzlich nationaler Medaillenhamsterei vorbeugen. Und das hier in Tirol. An der Tiroler Bevölkerung ist es, diese Entwicklung mitzuverfolgen. Vor Ort. Eine historische Chance.

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