Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Jenseitige Verlustangst"

Ausgabe vom 13. Jänner 2012

Wien (OTS) - Hoffentlich stimmt, dass die meisten Politiker ihren Job als wirkliche Berufung betrachten. Diese ist auch notwendig, um die damit einhergehenden Entbehrungen in Sachen Privatleben, öffentlicher Geringschätzung und - mitunter - unbefriedigender Entlohnung zu kompensieren. Ohne Empathie für das Gemeinwesen, ohne inneren Missionierungsdrang lässt sich der Beruf eines Politikers nicht leben. Soll auch nicht sein.

Was allerdings nichts daran ändert, dass das offizielle Politiker-Dasein auch einen klar definierten Endpunkt hat, oder besser: haben sollte. Ins Banale übersetzt heißt das nichts anderes, als dass sämtliche Insignien der Macht (solche von real existierender Impotenz existieren ja Gott sei Dank nicht) zu retournieren sind. Als da wären Dienstautos, Diensthandys, Dienstwohnungen und was es sonst noch alles gibt, also zum Beispiel auch Diplomatenpässe. Wie im ganz normalen Leben eben.

Wobei es durchaus bemerkenswert ist, warum dieser Leitgedanke zeitlich beschränkter Privilegien gerade in Österreich so schwer durchzusetzen ist. Es gilt der Grundsatz: Was man einmal hat, muss man nicht mehr hergeben. Und das Beste ist: Gar nicht so wenige kommen mit dieser etwas naturrechtlich angehauchten Rechtsauffassung sogar durch, gerne auch an den Schnittstellen zwischen Staat und Wirtschaft. Muss irgendwie mit unserer tiefenpsychologischen Struktur zusammenhängen, von wegen historisch bedingter permanenter Verlustangst und so. Wer, bitte, greift sich nicht allein schon beim Gedanken an Diplomatenpässe für die Ehepartner ehemaliger Amtsträger an den Kopf? Wegen offensichtlicher Jenseitigkeit nämlich.

Politiker sollen, ja müssen für ihren Einsatz ordentlich bezahlt und mit allem ausgestattet werden, was zur Erleichterung ihrer Aufgabe sinnvoll und nützlich ist. Aus lauter Angst vor lärmenden Anti-Privilegien-Kämpfern verkauft sich die Classe Politique mittlerweile unter Wert - vor allem, was die Top-Jobs der Republik angeht. Hier wäre etwas mehr Selbstbewusstsein durchaus angebracht. Allerdings mit einem deutlich versehenen zeitlichen Ablaufdatum.

Der wirkliche Missbrauch, die Privilegien finden im Schatten öffentlicher Aufmerksamkeit statt, dort, wo - in jeder Hinsicht -mittlere Ränge gut dotierte Mehrfachjobs oder eben Diplomatenpässe sammeln.

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