WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Das ewige Klumpenrisiko Osteuropa - von Hans Weitmayr

Polens tolle Daten interessieren beim Druck auf den Sell-Knopf niemanden

Wien (OTS) - Mit wenig konnte man Österreichs Banker in den vergangenen Jahren mehr reizen als mit der Frage nach den Risken in Osteuropa. Die Region sei unglaublich divers, hieß es, man könne die einzelnen Länder teilweise gar nicht vergleichen, und überhaupt sei das ohnehin Schnee von gestern, weil inzwischen auch die Investoren aus Übersee erkannt hätten, die Risken der Gegend individuell zu bewerten. Diese Argumentation hielt allerdings nur, solange die Schwierigkeiten dieser Weltgegend überwunden schienen, Risken gesucht und nicht vermieden wurden, allfällige Schwachstellen vom Debakel in der Europeripherie übertüncht wurden und es grosso modo wieder bergauf ging. Ungarn hat jetzt aber wieder ein grelles Schlaglicht auf die Kontaminierungsrisken in Zentral- und Osteuropa geworfen. Denn es sind schlicht Spill-over-Effekte, die dazu führen, dass Zloty und polnische Anleihen in den vergangenen Wochen in den Keller gerasselt sind - und das mit den entsprechenden negativen Effekten für die Refinanzierung.

Aus dem Blickwinkel eines US-Investors sind Länder wie Ungarn, Tschechien, Polen - und Österreich - Zwergstaaten, die man entsprechend im Portfolio gewichtet. Und zwar gemeinsam in einem Korb. Gerät Ungarn in negative Schlagzeilen, verkaufen diese Händler - bewusst selbst entscheidend oder ohnehin automatisiert - einen solchen Korb in Bausch und Bogen. Dem widersprechende und absolut richtige Argumente, dass etwa Polen teils sensationelle konjunkturelle und budgetäre Daten ausweist, interessieren in der Sekunde des Knopfdrucks niemanden. Was zählt, ist die Reduzierung des Risikos. Die Rendite holt man sich dann anderswo, in einem anderen Emerging Market . Das gilt natürlich nicht nur für die Devisen- und Anleihenmärkte, sondern auch für die Aktienmärkte, wie die beiden börsenotierten Institute Erste und RBI zu Beginn der Woche - wieder einmal - schmerzhaft erfahren mussten. Auch hier reicht ein kurzer Blick auf die Landkarte, um den Investor aus Übersee den Sell-Button drücken zu lassen.

Diese Denkweise mag nicht unbedingt fundiert und schon gar nicht gerecht sein - sie ist aber derzeit die Realität, die uns umgibt. Das bedeutet wiederum, dass Zentral- und Osteuropa ein Fass voller Schwarzpulver mit genau so vielen Zündschnüren ist, wie es dort Länder gibt. Heute ist es Ungarn, morgen vielleicht die Ukraine - und wer an diese Stelle meint, dass man die Ukraine unmöglich mit anderen Ländern der Region vergleichen kann, sei höflich ersucht, an den Beginn dieses Textes zurückzugehen.

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