"Die Presse" - Leitartikel: Nicht die Zeit vergeht - wir vergehen, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 31.12.2011

Wien (OTS) - Nicht die Zeit vergeht - wir vergehen

Leitartikel von Michael FLEISCHHACKER

So, wie es aussieht, werden wir auch 2012 Silvester feiern. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, ein wenig vom zyklischen Denken der Maya zu lernen.

Dass die Weltuntergangshypothesen rund um den Maya-Kalender, der zur nächsten Wintersonnenwende endet, sich so gut vermarkten lassen, muss niemanden wundern. Angst-Lust-Phänomene florieren in saturierten Gesellschaften, in denen die mit der Deutungshoheit ausgestatteten Eliten nie die Erfahrung existenzieller Ängste gemacht haben, wie sie Kriege und große Naturkatastrophen mit sich bringen.
Zur Erzeugung von Angst-Lust-Reizen eignen sich besonders gut Ereignisse oder Vorgänge, die zwei Voraussetzungen erfüllen: Erstens müssen die Menschen genug davon verstehen, um zu wissen, dass dahinter so etwas wie ein reales Bedrohungspotenzial liegt. Zweitens müssen sie wenig genug davon verstehen, um den Übergang von einem realen Bedrohungspotenzial in eine fiktionale Untergangserzählung nicht wahrnehmen zu können.
Ökonomische Krisendiskurse, wie wir sie 2008/2009 und auch während des gerade zu Ende gehenden Jahres erlebt haben, funktionieren inzwischen auch nach diesem Muster: "Wir haben in den Abgrund geschaut", erklärten die Finanzmagier, die von Taschenspielern nicht immer leicht zu unterscheiden sind, nachdem die Notenbanken die Finanzinstitute weltweit mit gigantischen Liquiditätsspritzen versorgt hatten. Man prägte das Bild von der gerade noch verhinderten "Kernschmelze" des Finanzsystems (obwohl es sich technisch eher um eine Art Gefrierschockstarre handelt).
Was bedeutet das Bild? Dass in einem solchen Fall alles Leben im Umkreis der Finanzreaktoren ausgelöscht würde? Physisch? Oder doch nur ökonomisch? Bedeutet es, dass wir alle Geldkrebs bekommen und unsere Kinder mit Fingern aus wertlosen Münzenrollen zur Welt kommen? Nun, wir wissen es nicht, und davon lebt das Geschäft mit der Angst-Lust. Dass dieses Nichtwissen Angst hervorrufen kann, hängt damit zusammen, dass unser Denken sich auf einem linearen Zeitstrahl abspielt, der ohne Ende schwer zu denken ist. Und Ende ist nie wirklich toll, ehrlich gesagt nicht einmal dann, wenn man an ein Leben danach glaubt. Die Maya würden sich vor ihrer eigenen sogenannten "Prophezeiung", wenn sie nicht aufgrund ihrer unterdurchschnittlichen Prognosefähigkeit früher zugrunde gegangen wären, heute mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht fürchten. Ein Zyklus geht zu Ende, ein nächster beginnt: So what?
Nein, die Welt wird 2012 nicht untergehen. Und doch geht etwas seinem Ende zu, und etwas Neues beginnt. Nicht heute, nicht morgen, nicht endgültig. Es scheint auf dem Feld der politischen Ökonomie so etwas wie 20-Jahres-Zyklen der ideologischen Prädominanz zu geben: Die ersten 20 Jahre nach dem Krieg gehörten der rechten Mitte, von 1968 bis 1989 krallte sich ein softer Sozialismus fest, der während der vergangenen zwei Jahrzehnte von einer liberalen Oberflächenstruktur überwuchert wurde. Diese wurde vom Wind der Krise weggeblasen, und man ist gerade dabei zu sehen, was denn wirklich darunterliegt.

Mildere Formen der linearen Zeitvorstellungsparanoia sind Vorsätze. Wer jemals erfolglos versucht hat, das Rauchen aufzugeben, weiß, wie es geht: Wer jedes Vorhaben zum Armageddon hochstilisiert, sorgt dafür, dass die Welt nur noch aus Untergängen besteht. Das gilt für ökonomische Prognosen genauso wie für politische Erwartungen, in pädagogischen Fragen ist es nicht anders als in medizinischen. Die Hysterisierung, die in dieser Art des Denkens angelegt ist, führt dazu, dass Einzelne, Organisationen und Gesellschaften immer deutlicher hörbar mit Vollgas im ersten Gang fahren.
"Nicht die Zeit vergeht - wir vergehen." Konrad Paul Liessmanns Bonmot könnte beim dringend nötigen Hochschalten in den dritten oder vierten Gang eine hilfreiche Anleitung sein. Ein größeres Maß an Verständnis für die Eigenzeitlichkeit und den zyklischen Charakter der entscheidenden Entwicklungen in unserer Gesellschaft hätte den Effekt, den jeder Autofahrer kennt: In einem höheren Gang ist man mit weniger Lärm und weniger Kraftstoffverbrauch schneller unterwegs.

Rückfragen & Kontakt:

chefvomdienst@diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001