Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Hoffen und Bangen"

Ausgabe vom 31.12.2011

Wien (OTS) - Mit der unterkühlten Gelassenheit der Briten ausgestattet, könnte man das vergangene Jahr durchaus als ereignisreich bezeichnen. Selbstverständlich, my goodness, nicht auf Österreich bezogen. In und um Wien herum war nämlich eh fast alles wie immer. Und da nicht einmal Wahlen diese Ruhe störten, hat sich die Koalition gleich den Stress erspart, so zu tun, als würde sie etwas tun. Wir waren, so könnte man glauben, bei dieser Krise hautnah dabei, aber nicht mitten drin.
Die Coolness, mit der der Bundeskanzler und sein Vize der Krise in ihr kaltes Auge geblickt haben, dürfte beide selbst überrascht haben. Nur ganz am Schluss des Jahres kam ein klein wenig Hektik auf, als die Märkte sich einbildeten, unbedingt auf etwas Schriftlichem in Sachen Schuldenabbau beharren zu müssen. Eine große Koalition ist allerdings kein Schnellzug.
Für Europa wird 2012 ein Jahr des Hoffens und Bangens. In Sachen Bewusstseinsbildung hat das zu Ende gegangene Jahr Pionierarbeit geleistet. In Athen, in Rom und auch in Wien weiß man mittlerweile um den Ernst der Lage (Budapest dagegen scheint diese Erkenntnis noch vor sich zu haben). Ab jetzt ist es nur noch eine Frage des Könnens und Wollens, die Krise erst einzudämmen und dann ihre Ursachen zu bekämpfen. Die Ausrede, vom Ausmaß der Probleme nichts gewusst zu haben, gilt nicht mehr. Ob das aber auch ausreicht, wird sich zeigen. Während sich Europa mit sich selbst beschäftigt, steht Syrien vor einem blutigen Bürgerkrieg, wird die liberale Revolution in Ägypten zwischen dem Ancien Regime und den Muslimbrüdern zerrieben, droht der Kalte Krieg mit dem Iran zu einem brandheißen militärischen Konflikt zu eskalieren.
Im Bewusstsein der meisten europäischen Bürger liegen diese Konflikte weit weg von der eigenen Haustüre. Dabei liegt das EU-Mitglied Zypern nur etwas mehr als 100 Kilometer von der Küste Syriens entfernt im Mittelmeer. Was in dieser Region geschieht, ist für Europa von zentralem strategischen Interesse. Dass es dabei auch um Menschenrechte, um Menschenleben geht, und nicht nur der Ölpreis auf dem Spiel steht, sollte vielleicht nicht ganz aus den Augen verloren werden. Europa ist schon aufgrund seines politischen und historischen Selbstverständnisses zum Handeln gezwungen. Wenn es sich denn dazu aufraffen kann.

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