TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 2. Dezember 2011, von Gabriele Starck: "Das moralische "AAA" ist verspielt"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Österreich hat in den vergangenen Jahren nichts ausgelassen, um die Wahrnehmung von einem korrumpierten Land zu verstärken. Der Weg zurück zur politischen Moral scheint den jeweils Regierenden aber nicht am Herzen zu liegen.

Österreich ist korrupter geworden. Im Vergleich zu 2005 ist es im weltweiten Korruptionsindex von Platz 10 auf 16 abgerutscht. Verwunderlich daran ist höchstens, dass der Absturz nicht noch heftiger ausgefallen ist. Aber näher betrachtet ist er das sogar, denn im Vergleich mit wirtschaftlich hoch entwickelten rechtsstaatlichen Demokratien liegt unser Land nur noch im schlechteren Mittelfeld.
Doch Österreich ist selber schuld!
Was denn der Österreicher Leistung dabei war?
Bei aller Unschuld unserer Ex- und Noch-Politiker in Wien, Kärnten oder sonstwo und ihrer ehemaligen oder Noch-Freunde, ihrer Schon-oder Irgendwann-Geschäftspartner: Nichts, aber schon gar nichts wurde in den vergangenen Monaten und Jahren ausgelassen, um die Wahrnehmung von einem korrumpierten Österreich zu schärfen. Und um die Wahrnehmung von außen geht es ja in dem Bericht von Transparency International.
Die schlechtere Platzierung im Index beweist also keineswegs, dass es früher besser war. Es könnte auch bedeuten,
dass Korruption früher geschickter versteckt oder eher toleriert wurde. Die schmerzlichste Erklärung und wohl auch die wahrscheinlichste aber ist, dass der moralische Verfall tatsächlich fortgeschritten ist. Nicht einmal unbedingt die Käuflichkeit, auf jeden Fall aber das fehlende Unrechtsbewusstsein. Das Bewusstsein, sich langsam und stetig vom korrekten Staatsbürger zum bestechlichen Diener irgendjemandes statt mehrheitlicher Interessen zu entwickeln, scheint bei manch einem von der Süße der Macht zugedeckt zu werden. Eine Konzertkarte hier, eine Einladung dort, ein Kurztrip im Firmenjet eines Konzernchefs, eine kleine finanzielle Zuwendung als Aufwandsentschädigung für den persönlichen Einsatz. Vom Netzwerken zur Bestechung kann der Grat sehr schmal sein. Zu entschuldigen ist das nicht. Umso weniger, als die Regierungsparteien nach wie vor strenge Transparenzregeln beim Lobbying oder der Parteienfinanzierung scheuen.
Aber vielleicht rüttelt ja wach, was Transparency ganz besonders aufgefallen ist: die Verbindung von langjähriger Korruption und der Finanzkrise in einigen Staaten wie Italien und Griechenland. Sollten die Ratingagenturen künftig den Korruptionsindex in die Bewertung eines Landes einfließen lassen, ist es um das österreichische Triple-A schlecht bestellt. Das moralische "AAA" ist längst verspielt.

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