TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 25. November 2011 von Max Strozzi "Märkte spielen am Crash-Klavier"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Die griechische Chronologie wiederholt
sich jetzt in Portugal: Massen wälzen sich durch die Straßen und haben das Vertrauen in eine Lösung der Krise verloren. Und die Finanzmärkte vertrauen nicht einmal mehr Deutschland blind.

Schulden explodieren, Regierungen schnüren eilig Not-Pakete, protestierende Menschenmassen wälzen sich über die Straßen. Die Krisen-Chronologie, bereits aus Griechenland bekannt, wiederholte sich gestern in Portugal. Und es ist zu befürchten, dass sie sich auch in weiteren Krisenländern wiederholen wird, wenn nicht bald ein glaubhafter Weg aus dem Schuldendrama skizziert wird. Und den Anschein, die Probleme in den Griff zu bekommen, verbreiten Europas Politiker nicht. Erst am Mittwoch schleuderte EU-Kommissionspräsident Barroso drei Varianten von Eurobonds auf den Tisch, die allesamt nur eines gemeinsam haben: Mit einer kollektiven Schuldenhaftung könnten vor allem jene Länder ihre Schuldenberge weiter aufbäumen, die ohnehin schon bis über beide Ohren darin stecken.
Das Vertrauen in eine derart praktizierte Krisen-Politik schwindet. Nach der bislang misslungenen Krisen-Politik der aufgeblasenen Rettungsschirme und gemeinsamen Schuldenhaftungen spielen jetzt die Finanzmärkte das Crash-Szenario durch. Dabei wird nicht einmal mehr Deutschland als Rettungsanker Europas blind vertraut. Am Mittwoch wollte sich Deutschland sechs Milliarden Euro mittels einer zehnjährigen Anleihe vom Markt holen. Die Anleger gaben weniger als vier Milliarden. Mal sehen, was passiert, wenn sich Österreich nächstes Jahr 25 Milliarden Euro holen muss, um alleine mit 18 Milliarden davon alte Schulden abzuzahlen. In letzter Instanz kann in der Loch-auf-Loch-zu-Politik nur noch die Europäische Zentralbank einspringen, indem sie Geld druckt mit all den befürchteten Nebenwirkungen: Die Inflation steigt, der Wert der Spareinlagen schrumpft, den Schuldensündern fehlt der Druck für strukturelle Änderungen.
Und wo bleibt jetzt die Lösung? Deutschland und Frankreich wollen vor dem nächsten EU-Gipfel am 9. Dezember Vorschläge für eine Änderung der EU-Verträge auf den Tisch legen. Abgesehen davon, dass politische Entscheidungen in Europa ewig dauern, beugt es vielleicht künftigen Problemen vor, löst aber nicht die akuten. Und selbst eine Änderung der Spielregeln heißt wenig, denn auch an die bestehenden hat sich niemand gehalten.
Europa rennt die Zeit für tiefgreifende Veränderungen davon. Und die Befürchtung, dass das Ende der Schuldenkrise schmerzvoll sein wird, steigt mit jedem misslungenen Versuch der Beruhigung. Schulden lassen sich letztlich nicht ausblenden, sondern nur abbauen.

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