TIROLER TAGESZEITUNG 2Leitartikel" vom 24. November 2011 von Wolfgang Sablatnig "Angekommen in der Heeres-Realität"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Mit dem Verkauf oder der Verschrottung von zwei Dritteln seiner Panzer nähert sich das Bundesheer einer Wirklichkeit an, die von leeren Kassen und vielen offenen Fragen zur Zukunft geprägt ist.

Einem Soldaten mag es die Tränen in die Augen treiben. Dennoch hat Norbert Darabos Recht, wenn er zwei Drittel der Bundesheer-Panzer verkauft oder verschrottet. Viele dieser teils jahrzehntealten Fahrzeuge waren schon bisher nicht mehr wirklich in Betrieb. Und die anderen müssen künftig nicht mehr um teures Geld betrieben werden, um darauf Soldaten auszubilden, die mit ihrem schweren Gerät mit Sicherheit nie in einen Einsatz gehen werden.
Mit dem Abstoßen von 750 größeren und kleineren Panzern führt Darabos das Bundesheer in eine Realität, in der dieses längst angekommen ist. In Österreich selbst ist es die Realität der Schuldenbremse, die von allen Ministern Einsparungen fordert. Um alle rechnerischen und buchhalterischen Unschärfen bereinigt, steht für das Bundesheer im kommenden Jahr weniger Geld zur Verfügung als heuer. Betrieb, Erhaltung und Verbesserung von Waffen und Infrastruktur kann Darabos nur ausreichend sicherstellen, wenn er auf Rücklagen zurückgreift, die er in den vergangenen Jahren angelegt hat. Da sind selbst 17 Millionen Euro als Einmaleffekt und 15 Millionen Euro an laufenden Einsparungen beim Betrieb viel Geld.
Im sicherheitspolitischen Umfeld führt Darabos das Bundesheer in die Realität einer Welt, die sich seit dem Kalten Krieg weitergedreht hat. Diese Erkenntnis hat sich in den Planungs- und Strategiepapieren von Heer und Regierung längst durchgesetzt. Noch bei der schwarz-blauen Bundesheer-Reform von Wolfgang Schüssel und Günther Platter fehlte aber der Mut für drastische Einschnitte bei den Panzern. Die Soldaten müssten den "Kampf der verbundenen Waffen" beherrschen, um für internationale Einsätze vollständig geschult zu sein, hieß es damals.
Heute gibt es das Verteidigungsministerium billiger. Plötzlich reicht auch weniger als die Hälfte der Leopard-Kampfpanzer für den Ausbildungszweck. Darabos darf sich wohl über für ihn selten gewordene Positiv-Schlagzeilen freuen. Auch der neue Libanon-Einsatz des Bundesheeres, der dieser Tage richtig startet, wird ihm Punkte bringen.
Zur Realität des Verteidigungsministers gehört aber auch, dass das Bundesheer in eine ungewisse Zukunft schlingert. Berufsheer, Strukturreform, das unklare Verhältnis zu General Edmund Entacher -Darabos hat viele offene Baustellen. Seine Radikalkur bei den Panzern bietet ihm da nur eine kurze Verschnaufpause.

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