WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Europa bringt das Weltsystem USA ins Wanken - von Hans Weitmayr

Dass die Eurokrise die USA gefährdet, ist ein Alarmzeichen

Wien (OTS) - Die US-Notenbank Fed will sich auf die Eurokrise einstellen. Dazu setzt sie ihre Großbanken einem Testszenario aus, das eine "tiefe Rezession" voraussetzt. In Zahlen gegossen: 13 Prozent Arbeitslosigkeit, ein Schrumpfen des BIP um acht Prozent und ein 50-prozentiger Wertverlust an den Börsen. Als Auslöser eines solchen Debakels sieht das Planspiel ein Überschwappen der Eurokrise vor. Die Fed betont zwar, dass ein solches Szenario nicht mit ihren eigenen Prognosen übereinstimmt. Wer sich trotzdem ein bisschen fürchten will, darf dies ungeniert tun. Denn die Fed-Studie zeigt endgültig auf, dass wir ökonomisch in einer neuen und womöglich nicht unbedingt besseren Welt leben.

Bis vor wenigen Jahren galt bekanntlich der Stehsatz vom niesenden Amerika und dem daraufhin verschnupften Europa. Es war ein Bild, das auf der Stärke der USA beruhte. Dass es in der aktuellen Momentaufnahme umgekehrt aussieht, Europa also niest und die USA sich auf die negativen Auswirkungen vorbereiten, ist allerdings in doppeltem Maße gefährlich. Es zeigt nämlich zum einen nicht eine neue Stärke Europas, sondern nur eine neue Schwäche der USA auf. Eine Schwäche, die derart ausgeprägt ist, dass die einstmalige globale Konjunkturlokomotive gedanklich mit dem rabiaten Szenario eines achtprozentigen BIP-Einbruchs spielt.

Das Problem: Die USA sind als Volkswirtschaft nach wie vor mächtig genug, um für den Rest der globalen Konjunktur "systemisch" zu sein, wie es beispielsweise in der jüngsten Marktanalyse von HSBC heißt. Das erkennt man daran, dass der Dollar an Wert gewinnt, wenn die USA ins Strudeln geraten. Der dahinterliegende Gedanke: Die Probleme der USA werden im Rest der Welt sozialisiert, was den Vereinigten Staaten einen schnelleren Austritt aus einer solchen Krise ermöglicht. Die Frage ist nur, ob dieses Kalkül diesmal nicht zu kurz greift. Denn angesichts einer 100-prozentigen Staatsverschuldung muss man sich fragen, ob es den USA auf Dauer gelingen kann, genügend Vertrauen bei ihren Geldgebern aufzubauen, sodass diese ihnen einmal mehr die eigene Wiederauferstehung finanzieren. Solche Zweifel mag man als ökonomische Gerechtigkeit empfinden. Das Schwierige daran ist nur, dass die USA den Rest der Welt immer wieder mit dem einen oder anderen Schnupfen angesteckt haben - sie haben mit ihrem eigenen Comeback aber auch immer die Kur nachgeliefert. Die durch die Angst vor der Eurokrise aufgedeckte Schwäche der USA lässt aber die Befürchtung aufkommen, dass der Wirtschaftsmacht Nummer eins dafür diesmal die Kraft fehlt.

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