Symposium MIGRATION: Potenziale, Chancen und Möglichkeiten für eine verbesserte Gesundheitsversorgung von Migranten

Wien (OTS) - Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen haben statistisch gesehen ein erhöhtes Krankheitsrisiko. Durch den erschwerten Zugang von Migranten zu medizinischer Versorgung birgt Migration ein Gesundheitsrisiko. Die Gründe dafür sind zum Beispiel oft fehlendes Wissen über die Notwendigkeit einer Behandlung, die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und fehlende Sprachkenntnisse. Um dieser Situation entgegenzuwirken und eine verbesserte Gesundheitsversorgung von Migranten gewährleisten zu können, müssen an vielen Ebenen Maßnahmen gesetzt werden. Möglichkeiten, Chancen und Potenziale zur Verbesserung wurden beim gestrigen Symposium "Migration - Epidemiologische und medizinische Aspekte" diskutiert.

Bereits bei der Eröffnung des Symposiums MIGRATION durch Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin (ISTPM) der Medizinischen Universität Wien und Rektor Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität Wien, wurde die Wichtigkeit des Themas Migration im österreichischen Gesundheitswesen hervorgehoben. "Österreich ist als Einwanderungsland definitiv dazu aufgefordert, Migrationsmedizin stärkere Beachtung zu schenken", so Rektor Univ.-Prof. Dr. Schütz einleitend. Bei der im Rahmen des Symposiums stattfindenden Podiumsdiskussion diskutierten Experten aus Politik und Institutionen über die Herausforderungen durch Migration für das Gesundheitswesen. Zudem wurden politische Ideen zur Verbesserung der Situation aufgezeigt und Vorschläge zu deren Umsetzung gesammelt. Wissenschaftliche Vorträge rundeten das Programm ab.

Podiumsdiskussion - Medizin und Politik im Dialog

Journalistin Annette Scheiner, die als Moderatorin der Diskussion fungierte, stellte zu Beginn der Diskussion die Frage, welche Rolle Migration im Gesundheitswesen spielt und welche Verbesserungsvorschläge von Seiten der Politik und der Institutionen existieren. Rudolf Hundstorfer Bundesminister für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz deutete auf die Notwendigkeit von Migration aufgrund der demografischen Entwicklung Österreichs hin. Die Zugänge zu unserem Gesundheitswesen sind für Migranten zu öffnen und zu erklären. Zudem seien entsprechende Sprachkenntnisse rasch zu vermitteln. Mag. Sonja Wehsely, Stadträtin für Gesundheit und Soziales, zeigte auf, dass jene Wiener Bezirke mit dem höchsten Migrantenanteil auch jene mit den schlechtesten Gesundheitsstatus sind. In allen Bereichen der Gesundheitsvorsorge sind Migranten zu wenig repräsentiert. Daher ist in jenen Lebenswelten anzusetzen, in welchen sich vermehrt Migranten bewegen. In Österreich existiert eine deutliche Schieflage in Bezug auf kurative Medizin versus Prävention. So sind laut Mag. Wehsely gerade Kinder aus sozial schwachen Familien durch Projekte zu den Themen Ernährung und Bewegung besonders stark zu fördern und frühzeitig auf ein besseres Gesundheitsverständnis zu schulen.

Forderung: Aktive Teilnahme von Migranten an Gesundheitsprogrammen

Priv. Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner, Sektionsleiterin Bundesministerium für Gesundheit, zeigte auf, dass die Lebenserwartung von Migranten in Österreich zum Teil sogar höher ist, als die der Österreicher. Das subjektive Wohl- und Gesundheitsbefinden sei allerdings eindeutig schlechter als bei Österreichern. Eines der größten Probleme ist die Erreichbarkeit von Migranten - die aktive Teilnahme von Migranten an Programmen wird dringend gefordert. Allerdings existieren vorbildliche Pilotprogramme zu Präventionsmaßnahmen für Migranten und Österreicher wie zum Beispiel Gesundheitsprogramme in Schulen. Eine angesprochene Problematik im Bereich der Gesundheitsprogramme stellt die derzeitige Durchführung der Schulimpfprogramme dar. Durch die derzeit nicht definierte Beauftragung der Schulärzte und die damit verbundene Haftungsfrage sehen sich die Experten mit sinkenden Durchimpfungsraten konfrontiert. Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt stellte die Impfversorgung von Migranten infrage und gab ihre Bedenken an die Politik weiter. "Migranten - sowohl Kinder als auch Erwachsene - haben, basierend auf den wenigen epidemiologischen Daten, zu niedrige Durchimpfungsraten. Spezielle Impfprogramme für Migranten sind in Zukunft als wichtiger Pfeiler in der Präventionsmedizin besser zu implementieren", gab Univ.-Prof. Dr. Wiedermann-Schmidt zu Bedenken. Aufgrund der sozialen Benachteiligung von Migranten erscheine ihr die Unterstützung von finanziell gestützten Impfprogrammen besonders für diese Gruppierung als eine wichtige Forderung an die Politik. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Vizepräsident der Ärztekammer Wien sprach über die Ideen der Ärztekammer, die aktuelle Situation von Migranten im Gesundheitssystem zu verbessern. Man sollte in Österreich noch mehr gezielte Informationen für Migranten in unterschiedlichen Sprachen zur Verfügung stellen. Schon in der Kindheit sollte angesetzt werden, denn die übergewichtigen, rauchenden Jugendlichen seien die Kranken von morgen. Laut Univ. Prof. Dr. Szekeres werden vorbildliche Projekte von der Ärztekammer unterstützt und gefördert.

Hohe Prävalenz an psychischen Erkrankungen bei Migranten

Chefarzt Prim. Dr. Georg Psota vom Psychosozialen Dienst in Wien erklärte, dass die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen und damit auch die fachärztliche psychiatrische Versorgung gerade bei Türkinnen sehr hoch ist. Prim. Dr. Psota war sich sicher, dass Betreuungspersonen oft mangelndes Interesse an Kulturunterschieden aufweisen. Für eine erfolgreiche Behandlung, müssen sprachliche Barrieren weitestgehend überwunden werden. Des Weiteren forderte Univ. Prof. Dr. Bernhard Schwarz vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien, die massiven Defizite in der präventiven Medizin im österreichischen Gesundheitssystem - die bisher weitgehend vernachlässigt wurden - zu identifizieren und hier Verbesserungen herbeizuführen. Dr. Christiane Druml, Vizerektorin für klinische Angelegenheiten der Medizinischen Universität Wien appellierte an Vertretern des österreichischen Gesundheitssystems folgende Aspekte rasch umzusetzen: die Bewusstsein über zur Verfügung stehende Möglichkeiten der Versorgung zu schaffen, das Angebot von mehrsprachigen Informationen zu verbessern, die Verminderung von Zutrittsbarrieren, kulturellen Barrieren und Sprachbarrieren sicherzustellen und die Förderung der Selbstbestimmung von Migranten sowie die Aufnahme dieses Themenbereichs in die Curricula des Medizinstudiums und die Pflegeausbildung zu gewährleisten.

Wissenschaftliche Vorträge: Mobilität, Migration und "Global Health"

Im Rahmen der wissenschaftlichen Vorträge referierten Mediziner aus unterschiedlichen Disziplinen über die aktuelle Situation diverser Erkrankungen in Österreich. Der erste Teil der Vorträge befasste sich mit den Themen Mobilität, Migration und "Global Health". "Migrationsmedizin kam ursprünglich aus der Reise- und Tropenmedizin. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass Migrationsmedizin in zahlreichen anderen Bereichen von Bedeutung ist", so Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt. Es wurde aufgezeigt, dass Österreich als Zuwanderungsland von Migration wesentlich abhängt, da es durch seine demografische Entwicklung in Zukunft nicht in der Lage sein wird, wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu bleiben. Zudem wurden die Probleme und Folgen von Medikamentenresistenzen am Beispiel der Tuberkulose erläutert. Gerade "Visiting friends and relatives" (VFRs) - Reisende ins frühere Heimatland und Österreicher, die familiäre oder freundschaftliche Beziehungen in anderen Ländern pflegen - sind durch ihre Reisetätigkeit einem höheren Risiko für die Entstehung medizinischer Probleme ausgesetzt. Dies sei vor allem auf Ernährung, Unterkunft und Transportmittel in anderen Ländern zurückzuführen. Weiters appellierten die Experten an die Bevölkerung, sich gegen Masern impfen zu lassen, um Ausbrüche zu verhindern und zukünftig eine Elimination gewährleisten zu können. Dies sei eines der WHO-Gesundheitsziele für 2015.

Gesundheitsstatus von und -Programme für Migranten

Im zweiten Teil der Vorträge wurden ethische Aspekte von Migranten und Gesundheitswesen aufgezeigt. Aus ethischer Sicht geht es insbesondere um die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse von Migranten. Auch das Arzt-Patienten-Gespräch müsse auf den Patienten individuell und auf die jeweilige Kultur zugeschnitten werden und umfasst bei Migranten mitunter Bereiche, die bei Österreichern nicht berücksichtigt werden müssen. Des Weiteren wurden Ziele und Prioritäten von Impfprogrammen bei Migranten präsentiert. Auch der Einfluss von Migration auf die Diabeteseinstellung und Betreuungsqualität sei bedeutsam. Schließlich wurde über die Gefahr von Hämatologischen Krankheiten bei Kindern aus Migrantenfamilien aufgeklärt und auf die Problematik der fehlenden Versorgung dieser Patienten im Erwachsenenalter hingewiesen.

Gender- und soziokulturelle Aspekte in der Migrationsmedizin

Zum Thema Frauengesundheit wurde aufgezeigt, dass Migrantinnen in den niedrigsten und höchsten Bildungsschichten überproportional vertreten sind. Health literacy sei wichtig, um unterschiedliche Behandlungsarten, Erkrankungen und Symptome zu verstehen und Entscheidungen über die eigene Gesundheit zu treffen. In den letzten Jahren wurde das Thema Frauengesundheit unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte und Mag. Hilde Wolf von FEM Süd, Kaiser Franz Joseph Spital, forciert - zahlreiche Projekte wurden bereits initiiert. Auch soziale und kulturelle Kompetenzen von "Diversity Medicine" wurden besprochen. Im Laufe der Diskussion stellte sich wiederholt heraus, dass ein Konnex zwischen Ausbildung und Krankheitsrisiko besteht: Bei hohem Einkommen ist die Rate von Lifestyle-Erkrankungen - speziell bei Frauen - teilweise nur halb so hoch wie bei Menschen mit geringerem Einkommen. Des Weiteren wurden Anforderungen an eine Ambulanz für Migrantinnen im Rahmen der gynäkologischen Versorgung identifiziert - wie kulturelle Barrieren, Sprachbarrieren, fehlender Zugang. Abschließend wurden die Herausforderungen aber auch Chancen in der interdisziplinären Arbeit mit traumatisierten Migranten thematisiert.

Zusammenfassend lassen sich einige Bereiche feststellen, die zur Verbesserung gesundheitlichen Versorgung von Migranten beitragen, die aus der Podiumsdiskussion hervorgingen: die Impfversorgung in der Migrationsmedizin - Wie können die Betroffenen erreicht werden und wie erhält ein Migrant kostenfreie Impfungen? - die Verbesserung der Sprachenkenntnisse von Migranten, die Erreichbarkeit von und der Zugang zu dieser Bevölkerungsgruppe, eine klare Verteilung von Kompetenzen und schließlich die Entlastung der Spitäler, indem der niedergelassene Bereich ein größeres Aufgabengebiet übernimmt.

Vortragende und Themengebiete:

- Migration und Infektionen | Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien

- Probleme und Folgen von Medikamentenresistenzen am Beispiel der Tuberkulose | Univ. Prof. Dr. Stefan Winkler, Abteilung für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin von der Universitäts Klinik für Innere Medizin I, Medizinische Universität Wien

- Visiting friends and relatives (VFRs); medizinische Konsequenzen für das Gastland | DDr. Martin Haditsch, Labor Hannover MVZ; TravelMedCenter Leonding

- Masernausbrüche durch Migration und Reisetätigkeit | Prof. Dr. Heidemarie Holzmann, Department für Virologie der Medizinische Universität Wien

- Migranten und Gesundheitswesen: Ethische Aspekte | Univ. Prof. Dr. Christiane Druml, Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt

- Ziele und Prioritäten von Impfprogrammen bei Migranten | Univ. Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Medizinische Universität Wien

- Einfluss von Migration auf Diabeteseinstellung und Betreuungsqualität | Ao. Univ. Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Univ. Klinik für Innere Med. III, Medizinische Universität Wien

- Hämatologische Krankheiten bei Kindern aus Migrantenfamilien | OA Dr. Milen Minkov, Hämatologische Ambulanz am St. Anna Kinderspital

- Frauengesundheit: Grenzenlos? | ao. Univ. Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte und Mag. Hilde Wolf, FEM Süd, Kaiser Franz Joseph Spital

- "Diversity Medicine": sozialöe und kulturelle Kompetenzen an der MedUni Wien | Dr. Ruth Kutalek, Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin, Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien

- Gender-assoziierte Erkrankungen | Univ. Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Univ. Klinik für Innere Med. III, Abteilung für Endokrinologie & Stoffwechsel, Gender Medicine Unit, Medizinische Universität Wien

- Anforderungen und Herausforderungen an eine Ambulanz für Migrantinnen | Ass. Prof. OA Dr. Daniela Dörfler, Univ. Klinik für Frauenheilkunde, Medizinische Universität Wien

- Die interdisziplinäre Arbeit mit traumatisierten MigrantInnen in ESRA | Prim. Dr. David Vyssoki, Psychosoziales Zentrum ESRA in Wien

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