"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von Jenny, Paris und dem römischen It-Boy" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 09.11.2011

Graz (OTS) - Die Urmutter jüngeren Datums war wohl Jenny
Elvers, die jetzt auch noch ein -Elbertzhagen dranhängen hat. Sie tauchte in den Neunzigerjahren medial auf. Beruf: weitgehend unbekannt, Berufung: Luder.

Dieser Begriff wurde für eine Frauengattung geprägt, die ganz offensiv keiner geregelten Tätigkeit nachgeht, dafür aber jeder Kamera auflauert und regelmäßig Duftnoten erotischer Zügellosigkeit absondert.

Heute nennt man diese Wesen It-Girls, Es-Mädchen, deren einziges Produkt sie selbst sind. Eine permanent hungrige Medienmeute frisst ihnen aus der Hand. Weltmeisterin dieser Disziplin ist Paris Hilton.

It-Girls sind vor allem eines: stets vorhanden. Droht ihr grundloser Ruhm zu verblassen, benehmen sie sich möglichst öffentlich irgendwo daneben, zeitigt das zu wenig Wirkung, zetern sie lauthals über ein Sexvideo, das angebliche Schurken ins Internet gestellt hätten. Das reicht meist als Zeilenfutter für etliche Wochen.

Auf seine Weise ist Silvio Berlusconi der erste echte It-Boy der Weltpolitik. Nachdem er - immerhin - ein fast lückenloses Mediennetz über sein Land geworfen hatte, begann er selbiges nach It-Boy-Art zu benutzen.

Lange vor Bunga-Bunga war erst einmal Party-Party angesagt. Berlusconi inszenierte seine Partei als endlose Sause und unterjochte ein ganzes Land mit unerträglich guter Laune. Seine TV-Stationen schlugen mit lärmigen Krempelshows, präsentiert von langbeinigen Strohköpfinnen, den Takt. Das Leben ein Spaß, das Steuerzahlen eine Zumutung, die Mafia fromme Falotten.

Wer sich nicht ganz zudröhnen ließ, merkte vielleicht, dass dieser Clown schon mit der Müllabfuhr in Neapel überfordert war. Wie sollte so einer einen Staat redlich lenken?

Silvio Berlusconi tat das Gegenteil: Jahrelang bekämpfte er die Justiz als eine Art chronischer Krankheit, ließ Gesetze umbiegen und verhöhnte die Gerichte.

Während It-Girls in Sachen Sex kichernd Restscham heucheln, stilisierte sich Berlusconi zum dauergeilen Testosteron-Gockel. Die letzten Personalbesetzungen glichen dem Ergebnis von Misswahlen und waren teils echte Missgriffe. Dass die Gespielinnen des Premiers zuletzt immer jünger wurden, ist wohl eher den Honoraren des Cavalieres als seiner zeitlosen Attraktivität geschuldet.

Die derzeitige Regierung Berlusconis ist Italiens 62ste(!) seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Seine Ära mit Abstand die längste eines Staatschefs in Rom. Erstmals herrschte eine gewisse politische Kontinuität. Ihr Preis ist verdammt hoch. Italien will ihn offenbar weiter bezahlen.****

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