Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Riskanter Poker"

Ausgabe vom 9. November 2011

Wien (OTS) - Den allermeisten Menschen, Staatenlenker inbegriffen, fällt es einigermaßen schwer, nicht in Kategorien von gut und böse bei der Analyse von außenpolitischen Konflikten zu denken. Exemplarisch zeigt sich das bei der Konfrontation zwischen Israel und dem Iran. Man ist entweder für oder gegen eine Streitpartei. Für die Medien ist eine solche Weltsicht praktisch: Der Erklärungsaufwand hält sich in Grenzen, die Fronten sind klar, die ist Komplexität gering.

Soll sein, auch Außenpolitik hat eben längst die Mittel der manipulierbaren und manipulativen Massenmedien für sich entdeckt. Kriege bedürfen - gerade in Demokratien, aber nicht nur -öffentlicher Unterstützung; ein durchaus zweifelhafter Ausweis für die Macht der Partizipation.

Was dabei so verstört, ist die archaische Rhetorik, die von beiden Seiten ins Feld geführt wird. Der Gegner wird zur Verkörperung des absolut Bösen hochstilisiert - sei es Satan oder Hitler -, archaische Bilder vom Kampf ums Überleben werden beschworen. Das ist der Stoff, der durchaus als Zunder für einen Weltenbrand taugt.
Doch mit solchen Dichotomien zu argumentieren, raubt den Blick auf dahinterstehende Interessenkonstellationen und reduziert die eigenen Handlungsoptionen.

Das Problem ist nur: Je mehr bei Fragen von Krieg und Frieden als oberstes, auch kommunikatives Handlungsprinzip Tarnen und Täuschen gilt, desto größer ist die Gefahr, dass irgendwer irgendwann Probleme damit bekommt, Realität und Schein fein säuberlich auseinanderzuhalten. Wer etwa immer wieder mit der Drohung, den Gegner vernichten zu wollen, die eigenen Anhänger enthusiasmiert und gleichzeitig auch noch an den Mitteln zu diesem Zweck arbeitet, der kann sich kaum beschweren, wenn seine Drohungen plötzlich für bare Münze genommen werden. Auch wenn hinter den Aufrüstungsplänen vielleicht in erster Linie die eigene Angst vor einer Invasion stecken mag. Es sind schon Kriege aus Missverständnissen entstanden. Dies ist ausdrücklich kein Plädoyer für eine von moralischen Grundsätzen entkernte Außenpolitik. Im Gegenteil.
Nur bei der Analyse sollte nüchterne Rationalität sicherstellen, dass keine wesentlichen Aspekte übersehen oder falsch eingeschätzt werden. Bei Konflikten mit Eskalationspotenzial über die Region hinaus sind die Folgen fatal - längst nicht nur für die unmittelbar Beteiligten.

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
redaktion@wienerzeitung.at
www.wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001