TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 3. November 2011, von Gabriele Starck: "Die allerletzte Mahnung"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der Stillstand in der rot-schwarzen Bildungspolitik gefährdet Österreichs Zukunft. Jede einzelne Unterschrift für das Bildungsvolksbegehren erhöht den Druck auf SPÖ und ÖVP, endlich zu arbeiten, anstatt ideologische Grabenkämpfe zu führen.

Es geht ums Ganze. Wenn ab heute Bürgerinnen und Bürger das Bildungsvolksbegehren unterzeichnen, werden viele von ihnen nicht allen Details des Textes zustimmen. Und doch werden sie hingehen, weil der Leidensdruck angesichts des Reformstaus in der Regierung groß geworden ist. Wie groß, zeigt schon die ungewöhnliche Allianz von Unternehmer- und Arbeitnehmervertretern, die gemeinsam zur Teilnahme aufrufen. Nicht etwa der Tatsachen wegen, dass die Bildungsausgaben Österreichs gemessen an der Wirtschaftsleistung seit 1995 gesunken und die Bildungsinvestitionen Österreichs im OECD-Vergleich unterdurchschnittlich sind. Denn beim Bildungsvolksbegehren geht es nicht ums Geld, sondern um Existenzielleres: Der Output - sprich die Qualität der Schulabgänger - entspricht nämlich häufig nicht einmal dem geringen finanziellen Input.
Als Beleg dafür muss keineswegs das schlechte Abschneiden des Nachwuchses beim PISA-Test bemüht werden. Viel eindrucksvoller wirkt da die Kritik der Wirtschaft, dass Lehrlingen vielfach sogar Grundkenntnisse im Rechnen und Schreiben fehlen. Aber auch die Kompetenzen der Gymnasiasten überzeugen nicht. Schon seit einigen Jahren merken Uni-Lehrende - hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand - an, dass die nach Österreich geflüchteten deutschen Abiturienten weitaus besser aufs Studium vorbereitet sind als die heimischen Maturanten. Und so können sich hierzulande nur frischgebackene Akademiker einer - allerdings paradoxen -Zusatzkompetenz rühmen: das Durchhaltevermögen, unter den widrigen Bedingungen der Massenstudentenhaltung eine universitäre Ausbildung abgeschlossen zu haben.
All das veranlasste die regierenden Politiker aber nicht dazu, das Bildungssystem von Grund auf zu erneuern. Die zuletzt gesetzte Maßnahme war die Kürzung von Schulgeld und Schulstunden unter Schwarz-Blau. Diesen Un-Taten folgten seither keine Taten mehr. Denn seit der Wiederkehr von Rot-Schwarz halten SPÖ und ÖVP in unerschütterlicher Sturheit an ihren ideologisch einzementierten Standpunkten fest und nähern sich keinen Millimeter aneinander an. Da nicht einmal die Appelle der Sozialpartner Bewegung in die Regierung bringen konnten, ist ab heute eben jede Österreicherin und jeder Österreicher aufgerufen, die Regierung mit ihrer und seiner Unterschrift wachzurütteln. Denn es geht ums Ganze: Es geht darum, die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft des Landes zu stellen. Und die hängt von der Bildung seiner Menschen ab.

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