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"Die Presse"-Leitartikel: Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 3.11.2011

Wien (OTS) - Die Brüsseler Glaubenskongregation der Berufseuropäer
arbeitet intensiv an ihrem Dogmenapparat. Das ist gut so: Häresie ist
Europas letzte Chance.

Die Kommentare zur überraschenden Ankündigung eines griechischen
Referendums über die europäischen Hilfs- und Sparpakete haben einen
guten Einblick in den Alltag der europäischen Meinungsbildung
ermöglicht. Sie erinnert stark an die Praxis evangelikaler
Gruppierungen. Die in Brüssel ansässige, überschaubare Gemeinde der
Berufseuropäer (der Vorwurf, dass Europa ein "Beamtenmoloch" sei,
geht vollkommen ins Leere, so viele sind das nicht), die sich für
"Europa" hält, feiert eine Art öffentlichen Wortgottesdienst. Die
Teilnehmer sagen sich gegenseitig Gebete vor, die von den anwesenden
Journalisten für die Nachwelt aufgezeichnet werden.
Die wichtigsten Formeln in der derzeit gültigen Form des europäischen
Ritus lauten: Der griechische Ministerpräsident habe ein
"unverantwortliches Pokerspiel" begonnen, ein "Nein der Griechen
hätte unabsehbare Folgen", die derzeit verhandelten Materien seien
einfach zu komplex, um sie dem Volk zur Entscheidung zu überlassen -
noch dazu ausgerechnet jetzt, bevor die Maßnahmen in Kraft treten! -,
und überhaupt sei die gegenwärtige, nationale Spielart der
parlamentarischen Demokratie nicht geeignet, mit globalen
Fragestellungen angemessen umzugehen.
Ähnlich wie die römische Glaubenskongregation haben die
Berufseuropäer ein ausgefeiltes Normensystem zur Durchführung von
Rechtgläubigkeitsüberprüfungen entwickelt. Der Komplexität der
postmodernen Welt entsprechend finden sich darin kaum eindeutige
Merkmale für den Abfall vom europäischen Glauben. Nur wer
beispielsweise verstockt an der Überzeugung festhält, dass nationale
Interessen nicht nur ein legitimes, sondern eventuell sogar das
entscheidende Element europäischer Politik sein sollten, muss mit
Exkommunikation rechnen. Alles andere ist, typisch Europa,
verhandelbar.
Für die Gläubigen ist die Existenz einer solchen höchsten Instanz in
dogmatischen Angelegenheiten lebenswichtig. Man stelle sich vor, es
müsste jeder Europäer sich selbst eine Meinung darüber bilden, ob es
besser ist, auf die Desintegration der Eurostaaten durch eine
Reduktion der Teilnehmer an der gemeinsamen Währung zu antworten,
oder durch die Einführung einer Zentralregierung, die per
Handauflegung die Brüche zwischen den Volkswirtschaften der
Niederlande und Griechenlands heilt. Das wäre fast so, als wollte man
jedem einzelnen Besucher einer katholischen Messe seine eigene
Interpretation der Transsubstantiation (volkstümlich "Wandlung")
zumuten: Unmöglich, um nicht zu sagen unerträglich.
Wir müssen uns also die europäischen Meinungskapläne als einen Segen
vorstellen. Man sollte sogar überlegen, Häretiker, die von der reinen
Lehre des Vereinigten Zentralstaates von Europa abfallen, maßvoll zu
verfolgen, als äußeres Zeichen des Respekts sozusagen. Häresien sind
zu allen Zeiten durch Fragen entstanden. Fragen heißt zweifeln, und
Zweifel ist das Gift der Rechtgläubigkeit.

Was zum Beispiel wollen uns die Vereinigten Kommentatoren von Europa
sagen, wenn sie uns im Brustton der Empörung erklären, dass ein Nein
der Griechen zu den Brüsseler Kongressbeschlüssen "unabsehbare
Folgen" hätte? Wollen sie etwa behaupten, dass die Folgen der bisher
beschlossenen "Maßnahmen" absehbar wären? Hat das vergangene Jahr
auch nur einen einzelnen Anhaltspunkt dafür geliefert, dass dem so
ist?
Und warum soll es unstatthaft sein, dass die Bürger eines Landes über
Maßnahmen abstimmen, die eine substanzielle Einschränkung der
staatlichen Souveränität bedeuten? Ist es ihre Schuld, dass sie nicht
verstehen, worum es geht, oder nicht doch die Schuld derer, die es
ihnen nicht erklären können? Und ist es nicht so, dass sie es
deswegen nicht erklären können, weil sie es selbst nicht verstehen?
Und warum sollen sie entscheiden, obwohl sie es genau so wenig
verstehen wie die, denen man die Entscheidung vorenthält?
Es ist gut, dass sich die Glaubenshüter exponieren. Ohne Dogma gibt
es keine Häresie, und ohne Häretiker wird Europa nicht zu retten
sein. Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht. Für Europa
ist, wer gegen das gegenwärtige Diktat auftritt.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:chefvomdienst@diepresse.com
www.diepresse.com

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