"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wozu die Angst gut ist" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 30.10.2011

Graz (OTS) - Platon hat einst berechnet, wie viele Herdstellen
seine Heimatstadt Athen höchstens verkraften könnte. 5000 war seine Schätzung, erzählt Thomas Büttner, der Vize-Direktor der UN-Bevölkerungsabteilung im "Stern". Heute leben vier Millionen Menschen dort, alle mit Herden ausgestattet.

Sieben Milliarden Menschen, das hat Büttners Behörde ermittelt, leben heute auf dem Planeten. Das löst Ängste aus wie in überfüllten Zügen, wenn immer neue Gäste ins Abteil drängen. Was aber heißt die Zahl für uns?

Vordergründig betrifft uns der Zuwachs nicht. Er findet anderswo statt, in armen Gegenden der Welt und in aufstrebenden. Das saturierte Europa kämpft mit rückläufigen Geburtenzahlen, die ihre Vorsorgesysteme ins Wanken bringen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat aus dem Anlass ein Gedankenexperiment angestellt. Der siebenmilliardste Erdenbürger, geboren am 31. Oktober 2011 in Indien, sinniert im Jahr 2041 über die Welt und das Leben. Er sitzt im chinesischen Jet auf dem Weg zu seiner Londoner Universität, weil sein Notenschnitt für Peking nicht gereicht hat. Europa hat eine Öko-Diktatur hinter sich und soziale Unruhen. Nun könne man wieder reisen, denkt der junge Mann erleichtert.

Die Vision schreibt ein paar Tendenzen fort. Dass europäische Universitäten im weltweiten Ranking vorne liegen, ist Geschichte. Die Spitzenleistungen der Forschung werden anderswo erbracht. Der Vorsprung, den sich der Westen erkämpft hat, schwindet rasant. Vorhersagen haben in der Vergangenheit selten gestimmt. Manches kam anders, weil es die Vorhersagen der Unheilspropheten gab. Ohne Angst vor dem Waldsterben hätte Fred Sinowatz vielleicht doch nicht die Katalysatorenpflicht eingeführt, gegen den Widerstand der Autoindustrie. Und ohne die panische Angst vor dem kollektiven Atomtod wären Ronald Reagan und Michail Gorbatschow vielleicht nicht zusammengekommen, um dem Spuk ein Ende zu setzen. Angst ist wichtig für Veränderungen.

Was also sagt uns die Zahl Sieben vor den neun Nullen? Dass das schrumpfende Europa so schnell wie möglich zusammenwachsen muss. Dass es seine ganze Kraft in die Zukunft investieren sollte, in Bildung, Weiterbildung. Dass wir rasch das marode Pensionssystem sanieren müssen und eine Pflegesteuer einführen, um uns dann den Zukunftsfragen widmen zu können. Sonst werden wir zum mehr oder weniger gemütlichen Altersheim für abgearbeitete Manager aus Indien degradiert. Keine Katastrophe, aber weitab von dem, was der Kontinent einmal wollte und was er der Welt schon gezeigt hat.****

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