"DER STANDARD"-Kommentar: "Vertreibung des Schreckgespenstes" von Andreas Schnauder

Nur mit Verlustbeiträgen privater Gläubiger kann die Spekulationswelle abebben - Ausgabe vom 28.10.2011

Wien (OTS) - Wenn der europäische Karren einmal ganz tief im Dreck feststeckt, dann ziehen ihn letztlich alle gemeinsam heraus. So geschehen kurz vor Morgengrauen am Donnerstag beim Euro-Krisengipfel. Es gibt nun Lösungen zu den drei großen Problemfeldern Griechenland-Umschuldung, Eingrenzung der Ansteckungsgefahr anderer Eurostaaten und Absicherung der vom Forderungsverzicht getroffenen Banken.
Das ist ein beachtliches Paket, das die vom fast elfstündigen Verhandlungsmarathon gezeichneten Euro-Spitzen präsentieren konnten, wenngleich jegliche Euphorie völlig unangebracht wäre. Zu sehr sind die Beschlüsse davon geprägt, ja nicht ohne Ergebnis auseinanderzugehen. So bleibt vieles in den Schlussfolgerungen vage, substanzielle Punkte müssen noch in zähen Verhandlungen unter Dach und Fach gebracht werden. Zudem, und das ist womöglich überhaupt der entscheidende Aspekt, kann heute niemand seriös feststellen, ob die neue Therapie wirklich zur Genesung der angeschlagenen Währungsunion führen kann. Aber es geht in die richtige Richtung.
Im Zentrum der Einigung steht ohne Zweifel der Schuldenschnitt für Griechenland, mit dem Athen ausreichend Ballast abwerfen soll, um wieder auf eigenen Beinen stehen zu können. Bei aller Skepsis über die Details ist das Ergebnis prinzipiell relevant, weil Krankheitserreger und nicht Symptome bekämpft werden. Was nützen all die nach Athen getragen Euros, wenn das Land von der Schuldenlast erdrückt wird? Geht die Rechnung auf, sinkt das Obligo mit dem Haircut der Banken auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, womit eine Gesundung angesichts der fatalen ökonomischen Strukturen in Hellas immer noch äußerst schwierig, aber nicht gänzlich unrealistisch erscheint.
Allerdings blieb bei der sogenannten Privatsektorbeteiligung auch ein großes Bündel an Fragen unbeantwortet. Erstens wird der Schuldenschnitt mit 50 Prozent weit übertrieben dargestellt, werden doch den Gläubigern für die Fortsetzung ihres Engagements Garantien im Ausmaß von 30 Milliarden Euro bereitgestellt. Zudem ist ungeklärt, zu welchen Konditionen Finanzinvestoren ihre alten Anleihen in neue tauschen werden. Und drittens erscheint rätselhaft, wer sich dem Verzicht überhaupt anschließen wird. Neben großen Banken gibt es unzählige Investmentfonds, Pensionskassen, Hedgefonds, Versicherungen oder sogar Privatanleger, die sich dem Abkommen widersetzen können. Die Eurogruppe muss in diesem Fall ihre Entscheidungskraft erst unter Beweis stellen und notfalls von der Freiwilligkeit des Arrangements abrücken. Ansonsten käme es zur gefährlichen Situation, dass Trittbrettfahrer einen guten Schnitt machen.
Denn ein Grundsatz muss auf jeden Fall halten: Nur wenn privaten Gläubigern die Risiken ihres Handelns klar aufgezeigt werden, kann die Spekulationsflut an den Finanzmärkten abebben. Das erfordert klare Taten, und in diesem Sinne kann der Grundsatzbeschluss zum Haircut trotz aller offenen Fragen nicht hoch genug eingeschätzt werden. Immer nur das Schreckgespenst der drohenden Ansteckung anderer Staaten herbeizureden würde den zentralen Systemfehler des globalen Finanzsystems jedenfalls zu seinem Prinzip machen. Diese Botschaft haben nun endlich auch Paris und Frankfurt verstanden -oder zumindest zur Kenntnis genommen.

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