Hausarztsterben: eine soziale und ökonomische Katastrophe

Österreichischer Hausärzteverband lädt zur Diskussion über die planmäßige Vernichtung des Berufsstandes

Wien (OTS) - Österreich ohne Hausarzt - das von vielen Experten befürchtete Szenario könnte schon in den nächsten Jahren Realität werden. Die systematische Abwertung des Hausarztberufes seitens der Gesundheitsreformer werde dramatische Konsequenzen haben, fürchtet der Österreichische Hausärzteverband: Zum einen werde gerade den Hilfsbedürftigsten unserer Gesellschaft ihre wichtigste Vertrauensperson in Sachen Gesundheit entzogen. Zum anderen drohe ein volkswirtschaftliches Desaster, wenn statt qualitätsvoller Basisversorgung stets unreflektiert kostspielige Untersuchungen und Therapien angewendet würden. Im Rahmen eines Diskussionsabends im ORF-Funkhaus Wien am 15. November will der Hausärzteverband beide Auswirkungen der unseligen Strategie beleuchten, deren Motto zu sein scheint: Der Hausarzt muss weg, koste es was es wolle.

Systematische Vertreibung

"Die Aufwertung des Hausarztes in Österreich bleibt ein leeres Versprechen der Verantwortungsträger. Hausarztmodelle werden bewusst torpediert. Während in den Krankenhaussektor Milliarden fließen, wird dem Hausarztbereich durch explodierende Betriebskosten und beschämend niedrige Kassenhonorare der wirtschaftliche Boden entzogen", betont Dr. Wolfgang Geppert, Vizepräsident des Österreichischen Hausärzteverbandes. Zusätzlich drohe die Allgemeinmedizin in einem Dickicht von überbordender Bürokratie und Fremdbestimmung unterzugehen. Fatale Folge: Nachfolger für frei werdende Hausarztpraxen müssen gesucht werden wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Nichts davon passiere unabsichtlich, ist Geppert überzeugt: "Wir alle sind Zeugen einer langsamen, aber sicheren Vertreibung der Hausärztinnen und Hausärzte aus ihrer Praxis.

Gesundheitsökonom Dr. Ernest Pichlbauer stellt dieser fatalen Entwicklung das seit mehr als 30 Jahren bekannte, aber hierzulande niemals ernsthaft in Erwägung gezogene optimale Versorgungskonzept moderner Gesundheitssysteme gegenüber: "Primary Health Care", die koordinierte wohnortnahe Lösung von Gesundheitsproblemen. Ein solches System müsse nicht nur Ärzte, sondern auch Pfleger, Therapeuten, Sozialarbeiter etc. umfassen und von der Prävention bis zu Rehabilitation und Pflege reichen. Nicht nur, dass dies für die Gesundheit der Patienten förderlich wäre und Spitals- und Facharztüberweisungen deutlich zurückgehen würden, auch die Gesamtkosten der Gesundheitsversorgung könnten damit beträchtlich sinken. Voraussetzungen wären freilich, so Pichlbauer, Kontinuität und eine Bedarfsprüfung, die nicht als "politisches Gemauschel" über die Bühne geht. Gesundheitsökonomisch sinnvoll sei ein Anteil der Hausärzte von 50 Prozent an der Gesamtärzteschaft, in Österreich läge man zur Zeit jedoch nicht einmal bei 20 Prozent, Tendenz weiter fallend.

Soziale Klimakatastrophe

Die Ignoranz der Gesundheitsreformer schaffe aber nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein soziales Problem, meinen die Hausärzte. Sozialwissenschaftler Prof. DI Ernst Gehmacher spricht sogar von einer "sozialen Klimakatastrophe", die uns bevorstehe. Aktuelle Analysen zeigen, dass die psycho-soziale Gesundheitswirkung heute längst massiv geschwächt ist. Das Hausarzt-Ideal der dauerhaften Vertrautheit mit dem Patienten schaffe hingegen ein Sozialkapital-Netzwerk, das die Gesundheit nachweislich stärke und somit gefördert werden müsse, ist Gehmacher überzeugt.

Wie kurzsichtig das offensichtliche "Projekt Hausarztvernichtung" ist, zeigt allein schon die Statistik. So hat der durchschnittliche österreichische Hausarzt rund 900 direkte Patientenkontakte im Monat, in denen rund 1.300 Beratungsergebnisse erzielt werden, wie Allgemeinmediziner Dr. Dietmar Kleinbichler in einer breit angelegten Studie erfasste. Und dass der Hausarzt nicht mehr als ein "Pförtner" im großen Haus der medizinischen Behandlungsoptionen sei, dessen wichtigste Funktion im Erstellen von Überweisungen bestünde, ist ohnedies längst widerlegt. Denn nach wie vor werden neun von zehn Erkrankungen vom Hausarzt direkt erfolgreich behandelt. Im Mittelpunkt stehen dabei, so die Kleinbichler-Studie, anstelle von uncharakteristischem Fieber und Myalgien heute immer mehr Fälle von Hypertonie und Diabetes.

Diskussionsabend "Der Hausarzt muss weg, koste es was es wolle"

Referenten:

- Prof. DI Ernst Gehmacher, Lektor an der TU Wien, langjähriger
Geschäftsführer des Marktforschungsinstitutes IFES,
wissenschaftlicher Leiter der Paul Lazarsfeldgesellschaft, Autor
zahlreicher Publikationen
- Dr. Ernest Pichlbauer, Gesundheitsökonom und Forscher für
Gesundheitsversorgung
- Dr. Dietmar Kleinbichler, Allgemeinmediziner

Moderation:

- Dr. Wolfgang Geppert, Vizepräsident des Österreichischen
Hausärzteverbandes

Datum: 15.11.2011, um 19:00 Uhr

Ort:
ORF-Funkhaus Studio 3
Argentinierstraße 30A, 1040 Wien

Rückfragen & Kontakt:

Weitere Informationen unter www.hausaerzteverband.at

PR-Büro Halik, Mag. (FH) Susanna Schindler,
Kaiserstraße 84/1/8, 1070 Wien,
Tel.: (01) 596 64 21-14, s.schindler@halik.at

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