Mehr Schaden als Nutzen?

Die EUFEP-Bilanz über Sinn und Unsinn von Screenings in der Krebsprävention

Krems (OTS) - Während in Krems im Rahmen des dritten Europäischen Forums für evidenzbasierte Prävention und Gesundheitsförderung (EUFEP) internationale ExpertInnen über Sinn und Unsinn von Krebsvorsorge diskutierten. Der Schaden sei größer als der Nutzen, kam die U.S. Preventive Services Task Force, mächtiges Instrument des amerikanischen Gesundheitsministeriums, zum Schluss. Welche Screenings machen nun tatsächlich Sinn in der Krebsfrüherkennung, welche nicht?

Die Bilanz der EUFEP-Diskussion: Eine klare Empfehlung gab es für die Darmspiegelung in der Darmkrebsvorsorge. Im Nutzen vollkommen überschätzt werden sowohl das Brustkrebs- als auch das Prostatakrebs-Screening. Wer sich dazu entscheidet, sollte das in spezialisierten Zentren tun. Eine klare Empfehlung dagegen gibt es gegen das Ganzkörperscreening.

Prostatakrebs-Vorsorge: Männer vor PSA-Test umfassend informieren!

Tatsächlich ist der sogenannte PSA-Test, ein einfacher Bluttest, der die Höhe des sogenannten Prostataspezifizischen Antigens misst, auch hierzulande seit Jahren umstritten. Zu ungenau, sagen die Epidemiologen. Es ist das beste, was wir haben, sagen die Urologen, denen die Problematik nicht immer bewusst ist. Tatsächlich zeigen Studien in Deutschland, dass der Nutzen von Früherkennung des Prostatakarzinoms wie auch des Brustkrebs in der Bevölkerung bei weitem überschätzt wird. Sowohl beim Prostatakarzinom als auch beim Mammakarzinom sind sich europäische Experten inzwischen einig darüber, dass der Nutzen nicht sehr groß ist. Maximal eine Frau von 1000 Frauen kann durch Früherkennung gerettet werden. Ähnlich verhält es sich beim Prostata-Karzinom: "In Deutschland sterben 4 von 1000 Männern an Prostatakrebs. Wenn man 1000 Männer screent, sterben trotzdem immer noch 3. Sicher ist allerdings ein deutlicher Schaden für weitere 50 Männer. So viele werden im Durchschnitt operiert, obwohl sie kein Prostatakarzinom haben. Wegen einer sogenannten "falsch-positiven" Diagnose. Ganz abgesehen von der psychischen Belastung, der Männer ausgesetzt sind, sobald sie mit der Diagnose "Prostatakrebs" leben, sind viele der Männer nach der Operation inkontinent und/oder impotent," sagt Dr. Klaus Koch, IQWIG Köln, Ressortleiter und Chefredakteur von Gesundheitsinformation.de und Autor von "Mythos Krebsvorsorge". Seiner Meinung nach müssten sowohl Frauen als auch Männer vor dem Screening objektiv über Nutzen und Risiko aufgeklärt werden. Erst dann sollte man für sich selbst entscheiden, ob man nun als gesunder Mensch den Test machen will oder nicht.

Tatsächlich ist die Prostatakrebs-Rate sowohl in Deutschland als auch in Österreich innerhalb der letzten 15 Jahre stark angestiegen. In Deutschland konkret von 10.000 auf 60.000 Menschen, was laut Koch nicht damit zusammenhängt, dass es mehr Prostatakrebs gibt als früher. Entscheidend sei, dass man heute durch das Screening wesentlich mehr und kleinere Karzinome findet. "Darunter sind auch Knoten, die vorerst einmal harmlos sind. Aber doch so behandelt werden, als wären sie gefährlich mit all den Komplikationen, die diese Behandlungen hervor bringen," sagt Koch.

"Die Frauen werden über die negativen Aspekte nicht ausreichend informiert und nehmen an den Programmen unter der falschen Voraussetzung teil, dass sie einen großen Nutzen daraus haben. Das bedeutet, dass das Screening tausende gesunder Frauen zu Brustkrebspatientinnen macht, die chirurgisch, strahlentherapeutisch und möglicherweise chemotherapeutisch behandelt werden, weil wir nicht feststellen können, welche durch das Screening erkannten Karzinome die überdiagnostizierten sind. Screening reduziert das Risiko, an Brustkrebs zu sterben um 15 %. Zehnmal so viele Frauen als Nutzen daraus ziehen, werden aber unnötiger Weise behandelt. Bei diesen Frauen verursacht das Screening meist völlig unnotwendiger Weise eine persönliche Tragödie," sagt auch Karsten Juhl Jörgensen, MD, vom Nordic Cochrane Centre, Kopenhagen.

Bundesgesundheitskommission entscheidet über österreichisches Mamma-Screening-Konzept

In Deutschland geht man daher dazu über, sowohl das Mamma-Screening als auch das Prostata-Screening nur mehr in spezialisierten Zentren durchzuführen. Eine Empfehlung, sich als gesunder Mensch regelmäßig screenen zu lassen, gibt es für das Mamma-Screening. Die Screening-Empfehlung gilt für zertifizierte, spezialisierte Screening-Zentren für Frauen zwischen 50 und 69 alle zwei Jahre. In Österreich soll die Bundesgesundheitskommission am 25. November das neue Konzept für ein österreichweites, koordiniertes und qualitätsgesichertes Mamma-Screening entscheiden. Nach den derzeit diskutierten Empfehlungen sollen in Zukunft Frauen zwischen dem 45. und 69. Lebensjahr regelmäßig alle zwei Jahre zum Mamma-Screening schriftlich eingeladen werden. Das Konzept sieht entscheidende Qualitätssicherungsmaßnahmen wie beispielsweise eine verpflichtende Doppelbefundung vor und soll bis 2013 umgesetzt werden. Ab März 2013 soll laut Mag. Karin Eger vom "Competence Center Integrierte Versorgung" mit der Einladung von Frauen zur Mammografie begonnen werden.

Die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger forderte für Frauen, die sich über Screening-Programme informieren wollen, eine gemeinsame, verständliche und bildbasierte Sprache, einheitliche klare Empfehlungen und eine ausgewogene Information. Nur dann ist es Frauen möglich, selbst die Entscheidung zu treffen, ob sie am Brustkrebsscreening teilnehmen.

Darmspiegelung senkt Darmkrebsrisiko um bis zu 77 %

Einig sind sich die Experten, wenn es darum geht, ob die Darmspiegelung als Vorsorge gegen Darmkrebs wirkt. In Deutschland wurde die Darmspiegelung bereits 2002 in das gesetzliche Krebsfrüherkennungsprogramm aufgenommen. Prof. Dr. Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg stellte erste epidemiologische Studien vor, die einen starken präventiven Effekt belegen. Eine Fall-Kontroll-Studie mit 1.688 Fällen und 1.932 Kontrollpersonen zeigte, dass bei Menschen, die in den letzten 10 Jahren eine Darmspiegelung durchführen ließen, das Risiko an Darmkrebs zu erkranken um 77 % geringer war. Eine andere Studie mit 3.287 Teilnehmern belegte ein 48 % geringeres Risiko an Darmkrebs zu erkranken, wenn in den vorangegangenen 10 Jahren eine Darmspiegelung durchgeführt wurde. Modellrechnungen in Deutschland legen nahe, dass durch die Entdeckung und Entfernung fortgeschrittener Krebsvorstufen im Zeitraum zwischen 2003 und 2010 bereits 100.000 Darmkrebsfälle verhindert wurden.

Ganzkörperscreening: mehr Schaden als Nutzen?

Sehr kritisch stehen Epidemiologen dem Ganzkörperscreening gegenüber. "Es gibt nicht eine einzige Studien, die zeigt, dass das einen Nutzen bringt. Das ist derzeit reine Spekulation," sagt Dr. Klaus Koch. Seiner Meinung nach führt Ganzkörperscreening mit Sicherheit zu vielen Fehlalarmen und Fehldiagnosen. "Der Schaden ist sicher. Der Nutzen ist derzeit noch völlig unklar. Und solange der Nutzen nicht belegbar ist, sollte man hier sehr vorsichtig sein," sagt Koch.

Zusammenfassend meinte der wissenschaftliche Leiter des Kongresses, Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH : "Die Diskussionen bei EUFEP haben klar gezeigt, dass bei Ärzten mehr Bewusstsein und mehr kritisches Denken in Bezug auf Screeninguntersuchungen notwendig sind. Gut gemeint ist bei Krebsscreening nicht immer gut - im Gegenteil, zu häufiges oder zu frühes Screening kann durch falsche Alarme zu wirklichem gesundheitlichen Schaden führen".

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