TIEROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 25. Oktober 2011 von Christian Jentsch "Aufbruch im Schatten der Angst"

Innsbruck (OTS) - Utl.: In Tunesien wurde der Funken der
Revolution entzündet. Bei den ersten freien Wahlen scheint nun eine bisher verbotene islamistische Bewegung das Rennen gemacht zu haben. Nun geht es darum, Radikalismen das Wasser abzugraben.

Am 17. Dezember des Vorjahres entzündete ein junger von den Behörden drangsalierter tunesischer Gemüsehändler mit seiner Selbstverbrennung das Feuer der arabischen Revolution. Eine Revolution, welche Hunderttausende Menschen mit ihrem Schrei nach Freiheit auf die Straße trieb, eine Revolution, die in der gesamten arabischen Welt die Grundfeste der etablierten Ordnung ins Wanken brachte, eine Revolution, welche Despoten hinwegfegte, eine Revolution, die Hoffnung auf eine neue selbstbestimmte Zukunft keimen ließ. Nachdem die Tunesier Mitte Jänner ihren Langzeitherrscher Ben Ali aus dem Land gejagt hatten, stießen rund einen Monat später die Revolutionäre beim Nachbarn Ägypten ihren Machthaber Mubarak vom Thron und entfachten Aufständische in Libyen einen Krieg, den Despot Gaddafi nicht überleben sollte. Das kleine Tunesien hat etwas Großes ins Rollen gebracht.
Heute gilt Tunesien als Mutterland des arabischen Frühlings. Eines Frühlings, dessen Blüten nicht überall den kommenden Winter zu überstehen scheinen. Doch mit den ersten freien Wahlen haben die Tunesier ein Zeichen gesetzt. Die Wahlen gelten als Bewährungsprobe für die Revolutionsbewegung in der arabischen Welt. Die sensationell hohe Wahlbeteiligung in Tunesien wurde zu Recht als Triumph der Demokratie gefeiert. Doch auf der Hoffnung nach einer stabilen demokratischen Zukunft liegt auch ein Schatten. Das Gespenst des Islamismus geht um. Viele Jung-Revolutionäre vor allem aus der liberalen Mittelschicht fühlen sich um die Früchte der Revolution betrogen. Statt Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit befürchten viele nun die Auferstehung einer islamistischen Bewegung, die längst gewohnte Freiheiten wieder rückgängig machen könnte. In Tunesien deuteten Prognosen auf einen klaren Wahlsieg der islamistischen Ennahdha-Partei hin. Und auch in Ägypten und Libyen verspüren die Islamisten Aufwind. Wobei eines klar ist: Unliebsame politische Gruppierungen von der Wahl auszuschließen, wäre das falsche Signal gewesen. Und mit Vorverurteilungen muss man vorsichtig sein. Zumindest öffentlich will etwa die Ennahdha nichts mit einem Gottesstaat zu tun haben. Vielmehr dient ihr das Modell der türkischen Regierungspartei als Vorbild. Ob man ihren Versprechen trauen kann, bleibt abzuwarten. Nun geht es jedenfalls in erster Linie darum, die Hoffnung der Menschen vor allem auch wirtschaftlich nicht zu enttäuschen. Und somit jedem Radikalismus das Wasser abzugraben.

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