DER STANDARD-KOMMENTAR "Nonsens-Meldung" von Gudrun Harrer

Ausgabe vom 25.10.2011

Wien (OTS) - Die Schreckensrufe darüber, dass der Chef des libyschen Übergangsrats, Mustafa Abdul Jalil, "die Scharia ausgerufen hat", entbehren nicht eines komischen Elements. Hat jemand erwartet, dass diese libyschen Exrebellen, unter denen die Islamisten so stark sind, die Abwendung Libyens vom Islam verkünden würden? Aber Spaß beiseite, vor allem ist die Meldung, so wie sie gebracht und verstanden wird, Nonsens.
Abdul Jalil hat gesagt, dass die Scharia die Grundlage des libyschen Rechtssystems sein wird - und genau das steht seit dreißig Jahren unter anderem etwa in der ägyptischen Verfassung, ohne dass jemand Angst gehabt hat.
Keine Frage: Vom Standpunkt der Trennung von Religion und Staat oder, ganz praktisch, aus der Sicht von nicht-islamischen Minderheiten in einem Land, wäre es einem lieber, dass das islamische Recht nur "eine" Rechtsquelle wäre - oder eben, ginge es nach unserem europäischen Säkularismus, gar keine. Und dass der Traum des Westens platzt, die arabischen Revolutionen würden die Islamisten ins Abseits verweisen, ist auch traurig - wenn es auch erwartbar war. Aber prinzipiell sagt so ein Scharia-Passus nicht viel über die Rechtspraxis aus. Die Scharia ist kein kodifiziertes Recht. Es kommt auf die Interpretation an. Mit einer islamischen Argumentation - der Unmöglichkeit, mehrere Ehefrauen absolut gerecht zu behandeln, wie vom Islam verlangt - hat etwa Tunesien die Polygynie verboten. Übrigens ist das einzige arabische Land, das den Islam nicht als Staatsreligion hat, Syrien. In Libyen hingegen gab es auch schon unter Gaddafi ein islamisches Rechtssystem. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn Libyen innerhalb dieses Systems ein Land mit "rule of law" wird. In diesem Sinn verdient, was dieser Tage mit Gaddafis Leiche aufgeführt wird - und, schlimmer, mit seinen noch lebenden Gefolgsleuten - mehr Aufmerksamkeit als Abdul Jalils Sager.

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