WirtschaftsBlatt-Leitartikel: "König Ludwig" und sein langer Schatten - von Wolfgang Unterhuber

Schaller wird mit der RLB OÖ seinen eigenen Weg gehen

Wien (OTS) - Heinrich Schaller hat Mut. Am 31. März kommenden Jahres wird der Vorstand der Wiener Börse einen neuen Job antreten -als Chef der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (RLB OÖ). Unter normalen Umständen ein ganz normaler Jobwechsel unter dem Titel "neue Herausforderung". Ahnungslose würden ihn sogar naserümpfend als Abstieg betrachten: Vom Wiener Börseparkett in die Provinz sozusagen. Doch die Neubesetzung des RLB ÖO-Chefpostens ist alles andere als eine Routineangelegenheit. Hier geht es um die Nachfolge von Ludwig Scharinger. Vor allem aber geht es um das Imperium, das er aufgebaut hat. Die RLB ÖO ist mit heutigem Stichtag an 528 Unternehmen beteiligt - von Deutschland bis in den Kaukasus.

Der größte Coup Scharingers war die "österreichische Lösung" für die Voest. Die RLB ÖO ist bis heute der größte Einzelaktionär des Stahlkonzerns. "König Ludwig" wird er in Oberösterreich oft genannt. Und das ohne ironischen Unterton. Scharinger stand über ein Vierteljahrhundert an der Spitze der Bank. Als er 1985 antrat, hieß der Bundeskanzler noch Fred Sinowatz. Die Entwicklung unter seiner "Herrschaft" ist beachtlich. So hat sich die Bilanzsumme verzwanzigfacht. Scharinger verkörpert schlechthin Erfolg. In Österreich ist das natürlich verdächtig. Aber die Suche nach der berühmten Leiche im Keller blieb bislang erfolglos. Zuletzt gab es sogar Lob von der Ratingagentur Moody's. Laut deren Company Profile ist die RLB OÖ die stärkste Regionalbank in Österreich.

Scharinger hat aus diesem Institut mit ländlich föderaler Vergangenheit eine straffe Industriebank gezimmert - ohne dabei die agrarische Herkunft über Bord zu werfen. Ein Geheimnis seines Erfolges war die klassische kaufmännische Urteilsfähigkeit. In Zeiten, da die Software eines Risikomanagers wichtiger ist als die Meinung des Vorstands, war Scharinger hier eine Ausnahme. Und er hatte die Gabe, sprichwörtlich auf nahezu allen Hochzeiten zu tanzen. Auch politisch. Der (wenig überraschend) bekennende VP-Anhänger Scharinger versteht sich zum Beispiel blendend mit dem "roten" Linzer Bürgermeister.

Heinrich Schaller tritt also in große Fußstapfen. Die Frage ist, ob er die Strategie Scharingers beibehält oder nicht. Mit Sicherheit wird Schaller nicht gleich die Anteile an der Voest verkaufen. Aber er wird seinen eigenen Weg gehen. Denn Schaller weiß, wie man aus dem Schatten eines Patriarchen treten kann. Sein Vater Karl war von 1949 bis 1973 Scharingers Vorvorgänger.

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