WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Ohne Worst Case Szenario keine Lösung - von Hans Weitmayr

Statt kaltem Kalkül regiert das süße Prinzip Hoffnung

Wien (OTS) - Europa versucht, seine Krise mit Babyschritten zu lösen - insofern konnte es in Wirklichkeit niemanden mehr überraschen, dass es sich Europas Polit-Elite nicht zutraut, auf einem einzelnen Gipfel ein Lösung für die aktuelle Krise zu präsentieren. Eine solche Strategie ist in Ordnung, wenn sie zu Lösungen führt - das Problem: Man geht bislang von falschen Annahmen aus. Solange aber die Annahme fehlerhaft ist, kann ein Schluss zwar logisch sein - das heißt aber nicht, dass er auch richtig ist. Konkret liegt der Fehler darin, dass nicht kaltes Kalkül den bisherigen Ansätzen zugrunde lag, sondern das süße Prinzip Hoffnung. Nehmen wir die EFSF: Mit faktisch 250 Milliarden Euro wollte man ursprünglich das Auslangen finden. Kritik, die auch von dieser Zeitung geäußert wurde und auf die mangelnde Ausstattung der Fazilität abzielte, wurde schlicht abgetan. Inzwischen spricht man nicht mehr von Milliarden sondern Billionen. Hätte man von Anfang an entschlossener agiert, die Märkte wären womöglich beruhigt worden und hätten die Angriffe auf die Peripherie eingestellt.

Niemand scheint aus diesen Fehlern zu lernen - etwa beim Kapitalisierungsbedarf der Banken: Rund 100 Milliarden Euro sollten bis Redaktionsschluss für den Ernstfall bereitgestellt werden. Der IWF geht von einem Kapitalisierungsbedarf von 200 Milliarden aus, einzelne Think Tanks nehmen einen nochmals doppelt so hohen Betrag an. Tatsächlich ist es egal, wer am Ende Recht hat: Den Marktteilnehmern schwirren die höchstmöglichen Beträge im Kopf herum. Werden die ersten Gelder aus dem Banken-Topf fällig, wird sich sofort Sorge um eine ausreichende Ausstattung machen. Nervosität wird um sich greifen, es werden in Form von steigendem staatlichen Refinanzierungsaufwand und Kursverlusten Zusatzkosten entstehen, die bei der Annahme eines Worst Case vermieden werden könnten. Auch auf nationaler Ebene finden wir Beispiele: 1,2 Milliarden Euro wird die Hellas-Rettung laut Wifo-Chef Karl Aiginger Österreich kosten. "Mindestens", wie er in der Pressestunde sagte. Warum vom Best Case ausgehen? Wenn Aiginger ein Modell für das "Mindestens" hat, hat er sicherlich auch eines für das "Maximal".

Revidiert man im Wochentakt Finanzierungsbedürfnisse nach oben, manifestiert sich der Eindruck, dass sich die Lage kontinuierlich verschlimmert. Legt man hingegen die Karten auf den Tisch, gibt es einen einmaligen Aufschrei - und dann etwas, das man derzeit nur vom Hörensagen kennt: Klarheit. Diese ist wiederum die Voraussetzung für die Arbeit an der entscheidenden Sache: Der Lösung. Ob sich diese Einsicht bis Mittwoch durchsetzt, ist leider fraglich.

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