WirtschatsBlatt Leitartikel : Worauf es in Libyen jetzt ankommt - von Wolfgang Unterhuber

Der Westen muss Zeit und Geld in die Region investieren

Wien (OTS) - Eines gleich vorweg: Für die internationalen Börsen war die Nachricht vom Ende Gaddafis gestern ein Non-Event. Viel wichtiger ist die Frage: Wie weiter?

Rund drei Prozent der weltweiten Öllieferungen kamen vor Ausbruch des Bürgerkrieges Anfang des Jahres aus Libyen. Besonders Franzosen und Italiener haben in der jüngsten Vergangenheit ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Libyen vertieft - auch in Zusammenhang mit Infrastrukturprojekten. Von den Österreichern sind etwa der Mineralölkonzern OMV und das Baustoffunternehmen Asamer vor Ort präsent. Alles in allem ist Libyen vordergründig aber kein Land, von dem jetzt Wohl und Wehe der Weltwirtschaft abhängen würde wie etwa Saudi-Arabien. Geostrategisch betrachtet und vor dem Hintergrund der weltweiten Konjunkturflaute ist es jedoch auch nicht ganz unwichtig, ob in Libyen stabile Verhältnisse herrschen oder ob daraus eine Art Somalia am Mittelmeer wird. Der Staat Libyen ist wie so viele afrikanische Länder ein postkoloniales Kunstgebilde aus verschiedenen Stämmen und Regionen mit unterschiedlichen Kulturen. Entscheidend wird also sein, ob die neuen Machthaber den Menschen eine Perspektive anbieten können und wollen.

Wobei mit einem gerade in Europa sehr häufigen Wunschbild aufgeräumt werden muss. Die Libyer kämpften (wie die Tunesier oder Ägypter) nicht für Demokratie. In erster Linie wollten sie endlich ihren Tyrannen loswerden, der trotz labilem Geisteszustand immer wieder von westlichen Politikern hofiert wurde. In zweiter Linie geht es den Menschen im sogenannten "Arabischen Frühling" um Wohlstand und Bildung. Auch in Libyen kam der Öl-Reichtum nie bei den breiten Massen an. Wenn dieses Problem nicht zumindest mittelfristig gelöst wird, dann haben die sozialrevolutionären Radikal-Islamisten gute Erfolgschancen - ob in Libyen oder in der arabischen Welt generell.

So gesehen spielt es für den Westen eine große Rolle, welche politischen Verhältnisse in Nordafrika herrschen. Momentan besteht die Gefahr, dass sowohl Europäer als auch die USA der Region zu wenig Aufmerksamkeit widmen. Angesichts der Schuldenkrise ist das durchaus verständlich. Investiert man jedoch weder Zeit noch Geld, darf man sich nicht wundern, wenn am Ende nur ein irrer Diktator durch einen anderen ersetzt wird.

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