WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Amerikaner sind derzeit schlauer als die Europäer - von Esther Mitterstieler

Wir haben verabsäumt, unsere Hausaufgaben zu machen

Wien (OTS) - Europa hat es zurzeit nicht leicht: Gerade einmal 54 Jahre ist die Europäische Gemeinschaft alt, zurückgerechnet auf die Europäische Montanunion ist sie noch ein paar Jährchen älter. Ist das ein Alter? Und doch soll die Union nicht mehr gebraucht werden? Oder der Euro? So übel wird derzeit gefaselt und gepokert - am Börsen- wie Polit-Parkett. Dabei ist die EU eine Erfolgsgeschichte: In all den Jahren gab es in Europa keinen Krieg. Und es gab vor allem eine Öffnung der Märkte über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg. Das hat der Wirtschaft in Deutschland und Österreich eine massive Steigerung der Exportquoten beschert. Herr und Frau Österreicher konnten plötzlich ohne mühsames Kopfrechnen auch im europäischen Ausland mit ihrer Währung einkaufen.

Viele Waren, vor allem im IT- und Computerbereich, wurden billiger. Nicht zuletzt hat der freie Warenverkehr dafür gesorgt, dass wir auch italienische oder spanische Spezialitäten zuhauf kaufen können. Wer kann gegen Serrano- oder Parmaschinken etwas einzuwenden haben? Nun mögen diese Beispiele banal klingen, aber mit einem der Vordenker, Vorkämpfer und Umsetzer der europäischen Idee, Hans-Dietrich Genscher, erinnern wir uns an die Grundidee und an das schleichende Versäumnis, mehr aus Europa zu machen. Der Grundtenor des ehemaligen deutschen Langzeitaußenministers lautete in einem TV-Interview zu Recht: Wir haben verabsäumt, unsere Hausaufgaben zu machen. Nur wer sich richtig eint, hat eine Zukunft.

Aus der Europäischen Gemeinschaft von 1957 wollten wir 2009 den Schritt in Richtung polit-ökonomische Union wagen. Wir sind dabei leider stehen geblieben. Wo bleibt die Harmonisierung der Steuern oder der Pensionen? Anstatt uns anzugleichen, haben wir uns mit Flat Tax und Konsorten Konkurrenz gemacht.

Daraus haben sich auch jene nationalen Alleingänge entwickelt, die Europa nun lähmen. Jeder schaut auf seinen eigenen Vorteil und merkt nicht, dass er dem gemeinsamen Boot immer neue Löcher schlägt - auch zum eigenen Schaden.

Der gemeinsame Euro-Rettungsschirm wird den Märkten die Kraft zum Zocken nehmen und der EU neues Leben einhauchen. Diesen gemeinsamen Schritt braucht es; nur dann hat die EU eine reale Überlebenschance. Romano Prodi hat Recht: Das Ende des Euro wäre ein Desaster für Europa und die Welt, weil der Euro ein Eckpfeiler der Weltwirtschaft ist. Das haben auch die Amerikaner verstanden. Nur wir in Europa sind dafür offensichtlich noch nicht weit genug.

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