"Die Presse"-Leitartikel: Virtuelle Gewinne, reale Dividenden, von Josef Urschitz

Ausgabe vom 10. Oktober 2011

Wien (OTS/Die Presse) - Eine Bank macht "Bilanzputz" und sieht:
Hoppla, der Gewinn ist ja gar keiner. Das wirft ein Licht auf die Probleme, die abseits von Griechenland & Co. noch lauern.

Am 29. September, also vor zwölf Tagen, lief eine kleine Meldung über die Agenturen. Titel: "Erste Group rüttelt nicht an Gewinnprognose". Das wären dann so plus 700 bis 800 Millionen Euro für dieses Jahr gewesen.

Jetzt, nach der gestrigen Gewinnwarnung, stehen wir bei einem Minus in derselben Höhe. Ooops: Wo sind denn da in nicht einmal zwei Wochen rund 1,6 Milliarden Euro hinverschwunden?

Die Antwort ist einfach: Nirgendwohin. Die Bank könnte, wenn sie wollte, heuer natürlich einen dreistelligen Millionengewinn ausweisen. Oder einen dreistelligen Millionenverlust. So viel Spielraum geben ihr, ganz legal, die Bilanzierungsregeln, denen Banken unterliegen.

Womit wir schon bei einem der Kernpunkte der Vertrauenskrise sind, in der die ganze Branche steckt: Vergessen Sie Bankbilanzen. Wenn Sie diese nicht selbst erstellt haben, sagen sie Ihnen genau gar nichts. Natürlich gilt das nicht nur für die Erste und nicht nur für Österreich, sondern für die gesamte Branche.

Dass sich die "Erste" (kurz nach einer ähnlichen Aktion von Deutsche-Bank-Chef Ackermann) jetzt für den hoffentlich radikalen "Bilanzputz" entschieden hat, spricht einmal für sie und ihren Generaldirektor. Deutet aber auch darauf hin, dass die Situation in Osteuropa ein wenig grimmiger zu sein scheint, als man uns bisher erzählt hat. Wenn das stimmt, dann stehen auch den beiden anderen in Osteuropa stark vertretenen heimischen Großinstituten noch größere "Ausputzaktionen" bevor.

Denn das eigentliche Problem für die heimischen Banken ist nicht Griechenland oder ein anderes wackelndes "Club Med"-Mitglied. Sondern Osteuropa, wo Kredite in Höhe des österreichischen BIPs "draußen" sind. Und wo die "Kreditqualität" gerade wieder massiv abrutscht. Den wenigsten hierzulande ist bewusst, dass es dort schon einmal, im Frühjahr 2009, lichterloh "gebrannt" hat und dass damals (siehe nebenstehenden Artikel) nur ein beherzt aufgebauter riesiger Rettungsschirm von IWF und EU halb Osteuropa vor der Pleite, die österreichischen Banken vor existenziellen Problemen und damit die Republik vor einem griechischen Schicksal bewahrt hat.

"Part of the Deal" war damals freilich auch, dass die österreichischen Banken mitspielen und die Region nicht im Stich lassen. Wohl einer der Gründe dafür, dass das "Exposure" in der Region, die sich zumindest in Teilen zum Milliardengrab entwickelt, noch immer überdurchschnittlich ist.

Jetzt darüber zu spekulieren, ob die starke Präsenz im Osten vielleicht doch nicht die nobelpreisverdächtige Idee war, als die sie dauernd dargestellt wurde, ist müßig: Im Nachhinein ist es leicht, gescheiter zu sein. In früheren Jahren sind in der Region ja schöne Gewinne gesprudelt. Und zwar echte, nicht nur bilanzielle. Irgendwann wird sich die Lage dort auch wieder entspannen. Dann ist es ganz praktisch, wenn man als Bank schon da und auch in schwierigen Zeiten nicht davongelaufen ist.

Bis dahin wird es im Gebälk aber noch einmal ordentlich krachen. Und man wird, bei aller Treue zur Region, darüber nachdenken müssen, wie man das Risiko geordnet zurückfährt. Denn dass das Kreditengagement dreier Systembanken in einer Region die Staatsfinanzen alle paar Jahre ernsthaft gefährdet, ist kein hinnehmbarer Dauerzustand.

Vordringlicher ist aber, dass in die Bankbilanzierung insgesamt wieder mehr Ehrlichkeit einkehrt. Es gibt ja auch Leute, die Bankaktien kaufen und glauben, was in den diversen Factsheets steht. Da wird man international mehr Druck machen müssen. Und wenn das (wie bisher) nicht gelingt, dann wird man halt radikalere, international ohnehin schon diskutierte Maßnahmen wie etwa ein Ausschüttungsverbot für Institute, die Staatshilfe beanspruchen, überlegen müssen.

Denn das Faktum, dass in vielen Bankbilanzen in den vergangenen Jahren durch "freundliche" Bewertung zustande gekommene virtuelle Gewinne ausgewiesen wurden, heißt ja nichts anderes, als dass die Dividenden (und natürlich auch die Boni) teilweise aus der Substanz ausgeschüttet worden sind. Und das ist mitten in einer Finanzkrise eine suboptimale Idee.

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