• 10.10.2011, 18:15:35
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DER STANDARD-Kommentar "Treichls Flucht nach vorn" von Andreas Schnauder

Nur die radikale Offenlegung und Berichtigung von Risiken schafft Vertrauen

Wien (OTS) - Andreas Treichl ist immer für Überraschungen gut -
für positive wie für negative. Ganz dem Auftrag des Namens seiner
Bank nachkommend, war er der Erste, der vor drei Jahren mit
Staatshilfe die Bilanz des Sparkassen-Spitzeninstituts aufbesserte.
Auch mit der Rückzahlung des von der Republik zur Verfügung
gestellten Partizipationskapitals wollte Treichl die Nase vorn haben.
Die Chance besteht zwar in Ermangelung namhafter Konkurrenten noch
immer, doch die Erste Group benötigt die öffentliche Geldspritze
derzeit mehr denn je, weshalb sich Maria Fekter in absehbarer Zeit
auf keinen Scheck vom Wiener Graben einstellen sollte. Sie kann es
verschmerzen, helfen doch die 90 Millionen Euro Zinsen selbigen
Absenders bei der Budget_erstellung ein wenig.
Fragen muss man sich indes, wie es um die Banken bestellt ist, wenn
mir nichts, dir nichts auf die monatelang mit Nachdruck verfolgte
Rückzahlung der Staatshilfe gepfiffen wird. Und das noch dazu von
einem Banker, der den öffentlichen Geldgeber - genauer: die Politiker
- als Dank für die Unterstützung als "zu blöd und zu feig"
verunglimpft hatte. Auch wenn Treichl die Pauschalverurteilung
zurückgenommen hat, darf man den Herrn Generaldirektor anlässlich der
jüngsten Volte an seinen Sager erinnern.
Bei der Antwort landet man - welch Ironie - wieder bei der Politik.
Insgesamt musste der "Erste Wutbanker" ((C) der Standard) am Montag
eine Wertvernichtung von zwei Milliarden Euro eingestehen, die einen
entsprechenden Kursrutsch an der Börse zur Folge hatte. Davon ist
wenig hausgemacht. Dass Ungarn, angeblich ein EU-Mitglied, mit an
Enteignung grenzender Zwangskonvertierung von Fremdwährungskrediten
den Geldsektor beschädigt, kann man bei schlechtestem Willen nicht
den Prügelknaben der Nation anlasten.
Dass die europäische Politik nach eineinhalbjähriger Schrecksekunde
immer noch weit von einer Lösung der Staatsschuldenkrise entfernt ist
und die ständigen Turbulenzen heftig auf die Realwirtschaft drücken,
kann man ebenfalls nicht der Erste Group in die Schuhe schieben.
Lediglich beim kleineren Teil der Abschreibungen, jenem auf die
Kreditausfallsversicherungen, wird einem mulmig. Denn mit der stets
beschworenen Beschränkung des Geschäfts auf Einlagen und Kredite und
somit "Brot und Butter des Geschäfts" (Treichl) distanzieren sich
nicht nur heimische Sparefrohs ach so gern von den bösen Zockern in
der internationalen Hochfinanz. Doch gänzlich dem Kasino
fernzubleiben - dazu ist der Spieltrieb dann doch zu groß.
Eines muss man Treichl lassen. Er hat nicht nur den Mut, sondern auch
die Substanz, das Reinemachen durchzuziehen. Das Misstrauen an den
Märkten hängt ja eng mit den verborgenen Risiken in den Geldhäusern
zusammen. Nur deren schonungslose Offenlegung wird - im Unterschied
zur favorisierten Zwangskapitalisierung - die notwendige Transparenz
herbeiführen. Hingegen nützt - wie das Beispiel Dexia zeigt - die
Bestnote im Stresstest wenig, wenn die brennendsten Fragen nicht
gestellt werden.
Nun darf man gespannt sein, wie andere Banken - insbesondere in
Österreich - auf Treichls Flucht nach vorne reagieren werden. Der
eine oder andere Konkurrent wird sich wohl sorgen, ob das Haus einem
Kehraus standhält. Die Erste Group hat auch danach ausreichend
Kapital zur Verfügung. Sagt Treichl, der, wie gesagt, immer für
Überraschungen gut ist.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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