Aufstand der Alten

Innsbruck (OTS/TT) - Das politische System befindet sich in der Krise. Jetzt proben Ex-Politiker den Aufstand - und versuchen ihre Fehler von früher wettzumachen. Doch was der Politik heute fehlt, sind Visionen und die abhandengekommene Leidenschaft.

Von Michael Sprenger
Korruption und politischer Stillstand. Diese beiden Begriffe beherrschen seit Wochen, nein, seit Monaten, die politische Debatte in Österreich. Zu Recht!
Das Regierungsduo Werner Faymann und Michael Spindelegger hingegen tritt nach jeder wöchentlichen Sitzung des Ministerrates brav vor die wartenden Journalisten und verkündet das Immergleiche. Nein, sie haben eigentlich nichts zu verkünden, aber sie wissen wie ein Teamchef zu berichten, dass Österreich gut aufgestellt ist.
In dieser regelmäßigen Wiederkehr dieser Gegensätzlichkeit wird zwangsläufig ein Gärungsprozess ausgelöst. Und was lange gärt, wird endlich Wut. Doch es sind nicht die Jungen, die sich innerhalb der Parteien oder außerhalb des Parlaments formieren, es sind Alte, die nicht mehr in den Parlamenten sitzen, die kein Regierungsamt mehr bekleiden, die in den Parteien kein Gehör mehr finden, sie stehen auf. Sie wenden sich ab von dieser politischen Unkultur, vom "üblichen Gesudere". Sie begehren auf - fordern mehr Demokratie, fordern ein neues Wahlrecht, initiieren ein Volksbegehren für ein zeitgemäßes Bildungssystem, beklagen den Stillstand. Zu Recht! Trotz alledem müssen sich die Alten den Vorwurf gefallen lassen, dass sie es alle selbst in der Hand gehabt hätten, damals, als sie noch hochrangige Ämter bekleidet haben, weit reichende Reformen umzusetzen. Zudem sorgt dieser Aufstand der Alten für eine Besetzung des in Österreich nicht besonders großzügig ausgestatteten Widerstandsplatzes.
Aber ist es ihnen vorzuwerfen, wenn sie nun korrigierend in ihre je eigene Geschichte eingreifen wollen? Und hätte sich Widerstand andernorts gebildet, wenn sie weiterhin still geblieben wären? Eigentlich egal: Denn niemand behindert die Parlamentarier, sich mit den Anliegen ihrer Vorgänger zu solidarisieren, selbst aufzustehen und Reform einzuklagen. Niemand behindert die Parteimitglieder, gegen die jeweilige Führungselite Widerstand zu leisten. Außer ihre Angst vor Bestrafung bei der nächsten Listenerstellung oder Regierungsumbildung. Damit sei das Grundproblem angesprochen. Es fehlt am Mut zum aufrechten Gang. Doch dafür benötigt man politische Ziele, einen Standpunkt. Kurzum, es braucht Leidenschaft und eine politische Vision. Dies alles wird der Aufstand der Alten nicht erreichen können. Aber vielleicht ist es ein Anfang.

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