WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der Traum von der Nachhaltigkeit - von Wolfgang Unterhuber

Kapitalismus und Nachhaltigkeit sind unvereinbar

Wien (OTS) - Kaum ein Begriff wurde seit Ausbruch der Krise so strapaziert wie "Nachhaltigkeit". Als der Lehmann-Schock einigermaßen verdaut war, versprachen Politiker, Konzernchefs und Banker Besserung. Kein Zocken mehr. Kein Spekulieren. Eine neue Welt sollte entstehen - eine nachhaltige, in der die Menschen mit den Ressourcen des Planeten achtsam umgehen und auf den schnellen Profit verzichten. Heerscharen von Beratern und Experten aller Klassen ziehen seither durch die Lande und verkünden die Frohbotschaft der Nachhaltigkeit (für diese Botschaft verlangen sie dann meist eine nachhaltige Gage). Unternehmen veröffentlichen Nachhaltigkeitsberichte, und jeder Entscheidungsträger, der etwas auf sich hält, kennt zumindest drei Definitionen von Nachhaltigkeit.

Damit das nicht missverstanden wird: Nachhaltig wirtschaften ist eine tolle Sache. Wenn man z.B. eine Waldfläche rodet und sie wieder aufforstet, dann ist das nachhaltig. Allerdings kann sich erst die nächste Generation wieder eines ausgewachsenen Waldbestandes erfreuen. Nachhaltigkeit bedeutet für die Menschen der Gegenwart Verzicht, damit die nächste Generation etwas davon hat. Das österreichische Pensionssystem ist das genaue Gegenteil von Nachhaltigkeit - da hat die nächste Generation den Scherben auf. Aber selbst wenn wir den Blick von Österreich abwenden und über die Finanzmärkte kreisen lassen, so müssen wir feststellen, dass sich nichts verändert hat. Es wird noch immer hemmungslos gezockt und spekuliert. Die Gier feiert keine Auferstehung - sie war nie weg. Das Problem ist nämlich, dass Nachhaltigkeit und Kapitalismus unvereinbar sind.

Ein Beispiel: Unter Präsident Lula ist der Anteil der Mittelschicht in Brasilien von einem Drittel auf etwa die Hälfte der Bevölkerung gestiegen (unter anderem auf Kosten des Naturschutzes). Und was tun die neuen Mittelständler? Sparen sie, um ein neuerliches Abgleiten in die Favelas zu verhindern? Mitnichten. Sie geben das Geld mit offenen Händen aus. Auch Geld, das sie nicht haben. Die Banken werfen es ihnen nach. Der Konsumgott steht über allem. Das Heute zählt. Nicht das Morgen. Manche sehnen sich auch nach gestern. Die breite Mehrheit der Isländer würde laut einer aktuellen Studie eine Krise wie seit 2008 wieder in Kauf nehmen, wenn sie noch einmal so in Saus und Braus leben könnten wie vorher.

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