"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Das Internet wird zum Überwachungsnetz"

Die Vernetzung der Menschen hilft, wir dürfen nicht die Kontrolle verlieren.

Wien (OTS) - Wer heute im Internet ein Buch oder eine DVD
bestellt, erhält vom Anbieter sofort ein paar Tipps, welche Bücher einen noch interessieren könnten. Das digitale Profil weiß mehr als jeder Leser, wobei es zu kuriosen Empfehlungen kommen kann. Wer etwa eine DVD über die Pop-Gruppe der 1960er- Jahre "The Mamas and the Papas" bestellt, bekommt auch ein Buch angeboten: "Mamas und Papas:
wie wir täglich fröhlich scheitern". Wer die Rockband "Triumph" schätzt, muss sich mit Angeboten von Triumph-Stützstrumpfhosen beschäftigen.
Derartigen Irrtum will das größte soziale Netzwerk der Erde, facebook, künftig verhindern. Um einen hohen Preis. 800 Millionen Menschen sind auf facebook, in der Vorwoche war eine halbe Milliarde Menschen gleichzeitig per Computer oder Handy in das Netzwerk eingeschaltet. Das ist die weltgrößte Plattform für Werbung, wie ein riesiges Plakat, das sich über die Erde wölbt.
Aber da beginnt erst die Fantasie der jungen Gründer aus Kalifornien. Jetzt will facebook-Gründer Mark Zuckerberg aus seiner Erfindung Lebensarchiv und Konsumplattform gleichzeitig machen. Wenn Zuckerbergs Pläne Realität werden, dann sind wir alle nur mehr digitale Nummern, die ihr Leben permanent ins Internet stellen und einander beim Konsumieren beobachten. Leben als digitale Ziffernfolge. Aus unserer Existenz wird eine Seite im Internet. Nie hat das Wort "Killerapplikation" einen Zustand so perfekt beschrieben wie hier.
Mark Zuckerberg hat bei der Vorstellung der neuen Pläne für facebook versucht, den Leuten die Angst zu nehmen, ihr ganzes Leben öffentlich zu machen. Stolz stellte er ein eigenes Babyfoto vor. So wie er sollten alle Nutzer ihre Scheu aufgeben, ihr Privatleben vor aller Augen zu zelebrieren. Das Babyfoto stammt aus dem Jahr 1984. Dem erfolgreichen Jung-Unternehmer ist offenbar entgangen, welche Symbolik in diesem Jahr liegt. 1984, das ist der große Roman von George Orwell, wo er unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg eine schreckliche Vision niederschrieb: ein totaler Überwachungsstaat, der mit "Neusprech" permanent in die Gedanken und das Leben seiner Bürger einwirkt.
So weit sind wir noch lange nicht, vor allem deshalb, weil alle Nutzer von Social-Media-Seiten im Internet ihre Daten ja freiwillig hergeben. Aber manche tun das in einem Zustand, den sie später vielleicht bereuen. Dann aber haben sie keine Möglichkeit mehr, vergangene Fehler zu korrigieren.
Schon jetzt überprüfen Personalchefs bei Bewerbungen das Internet nach peinlichen Fotos. Geht es nach facebook, soll jeder Nutzer sein Leben digital wiedergeben, ohne Chance, einzelne Passagen später zu korrigieren. Das Internet bietet unglaubliche Möglichkeiten, sein Wissen zu erweitern, politische Prozesse zu verändern und weltweit zu kommunizieren. Aber den verantwortungsvollen Umgang damit müssen wir offensichtlich erst lernen.

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