WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Krankjammern ist gefährlicher als die Krise selbst - von Eva Komarek

Selbsterfüllende Prophezeiungen sind die größte Gefahr für die Wirtschaft

Wien (OTS) - Die Theorie von der "self-fulfilling prophecy" wurde
in den 1940er-Jahren vom US-Nobelpreisträger Robert Merton in die Diskussion eingebracht. Sie besagt, dass sich eine Vorhersage nur deshalb erfüllt, weil sie von einem sozialen Akteur geäußert und von anderen aufgenommen worden ist. Sie ist also eine Ursache der Folgen, von denen sie spricht. Zurzeit ist das Wesen der selbsterfüllende Prophezeiung eine der größten Gefahren für die Weltwirtschaft.

Wir haben zwar eine Schuldenkrise in diversen europäischen Ländern, aber in der Realwirtschaft ist davon noch nicht viel zu bemerken -wie man an den Halbjahreszahlen der Unternehmen ablesen konnte. Selbst wenn es zu einer kleinen Konjunkturdelle kommt, erzeugt diese noch keine Wirtschaftskrise. Aber wenn vor allem die großen Unternehmen sich zu fürchten beginnen und nicht mehr bereit sind, zu investieren, dann laufen wir Gefahr, dass sich die Wirtschaft krankredet. Wir sind schon wieder mitten drinnen im Schlechtreden und Krankjammern: Einige Wirtschaftsforscher sehen die dunklen Wolken der Rezession am Himmel aufziehen. So etwa die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die jüngst für das Jahresende ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung voraussagte. Aber noch immer ist die Mehrheit der Experten davon überzeugt, dass es keinen sogenannten Double Dip geben wird. Aber wie es scheint, gibt man den Pessimisten mehr Gewicht als den Optimisten. Denn der Konjunkturindikator für Österreich ist im August eingebrochen. Sowohl die Stimmung unter den Verbrauchern als auch in der Industrie hat sich laut dieser Erhebung in den vergangenen Wochen angesichts zunehmender Risiken und wachsender Verunsicherungen im Rekordtempo eingetrübt. Ähnlich sieht es in einer aktuellen Studie des Wirtschaftsbundes aus, die besagt, dass jedes dritte österreichische Unternehmen von einer wirtschaftlichen Verschlechterung ausgeht. Dabei sind die Auftragsbücher noch voll - bis Jahresende und teilweise sogar darüber hinaus.

Wirtschaft ist gut zur Hälfte Psychologie, also unberechenbar. Damit sind Ängste genauso einflussreich wie Produktivität oder Rohstoffpreise. Daher sollten sich die gewichtigen Stimmen in Politik und Wirtschaft gut überlegen, ob sie einstimmen in den Chor der Pessimisten. Denn bis aus dieser Miesmacherei Fakten werden, ist dann nur noch eine Frage der Zeit. Statt tausendmal gehörten Warnungen, Drohungen und wirtschaftspolitischen Rezepten brauchen wir jetzt endlich Mut im Denken und vor allem im Handeln.

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