WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wenig Hilfreiches aus den USA - von Jochen Hahn

Solange die Eurozone brennt, wird Amerika Treasuries günstig los

Wien (OTS) - Von Verschwörungstheorien ist generell sehr wenig zu halten. Insbesondere beim Thema Finanzkrise ist meist die nüchterne Abwägung von Fakten die treffendste Analyse-Variante. Aktuell ist man dennoch versucht, hinter dem ganzen Treiben rund um die Euro-Schuldenkrise einen geheimen Plan zu wähnen. Sobald sich nämlich die Lage in Europa etwas beruhigt, fühlt sich prompt ein US-Experte berufen, wieder etwas Öl ins Krisenfeuer zu gießen. Kürzlich war es Paul Krugman, der via New York Times ausrichten ließ, dass "der Euro innerhalb weniger Tage kollabieren könnte". Als die Aufregung darüber verflogen war, legte prompt der sonst eigentlich sehr europhile Star-Investor George Soros ein Schäuferl nach. Er prognostiziert der Eurozone aufgrund der Sparanstrengungen über Jahre eine scharfe Rezession. Diese Aufzählung an wenig hilfreichen Statements von jenseits des Atlantiks ließe sich schier endlos fortsetzen.

Eines haben die US-Inputs allerdings gemein: Sie lenken von den Troubles der USA ganz vorzüglich ab. Denn selten waren desaströse US-Konjunkturdaten, wie sie fast täglich von der Wall Street nach Europa schwappen, derart uninteressant. Überlagert wird all das durch Panikmache rund um die Zukunftsfähigkeit von Griechenland, Italien und Co. Sogar eine verschobene und völlig nebensächliche Vorabstimmung im Finanzausschuss des österreichischen Parlaments über den Euro-Rettungsschirm führte zu scharfen Kursreaktionen bis nach New York.

Abzulesen ist das seltsame Spiel auch an den Börsen. Denn der Salami-Crash seit Juli ist eigentlich ein Europa-Crash. Die Wall Street hat zwar auch gelitten, beim S&P 500 beträgt das Minus seit Jahresbeginn allerdings lediglich drei Prozent, wogegen Stoxx und DAX mehr als 20 Prozent unter Wasser liegen. Dementsprechend liegt der Schluss nahe, dass es vornehmlich US-Investoren waren, die sich in den vergangenen Wochen in großem Stil von europäischen Assets trennten.

Als Hintergrund des Spiels um Macht und Geld gilt die möglichst kostengünstige Refinanzierung maroder Staaten. Dazu kann man aufgrund des überbordenden Defizits freilich auch die USA zählen. Solange aber die Eurozone brennt, wird Amerika zu günstigen Konditionen seine Treasuries los. Und nicht nur das - das Land bleibt in der Wahrnehmung der Märkte einer der letzten sicheren Häfen

Fehlt nur ein Missing Link in dieser Verschwörungstheorie: Warum gibt es auch immer wieder europäische Politiker und Ökonomen, die sich das Öl-ins-Feuer-Gießen nicht verkneifen können?

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