"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Sizilien liegt an der Donau. Schluss damit"

Kaufen, bedrohen, bejubeln. Die Korruption blühte auch im Mediensystem.

Wien (OTS) - Stellen wir uns einmal vor, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel würde bei einem Betriebsbesuch den Chef der Deutschen Bahn fragen, ob er nicht um ein paar Millionen in der Bild-Zeitung werben könne. Oder der Chef des Boulevard-Blattes würde im Kanzleramt auf einen Kaffeeplausch vorbeischauen. Wegen ein paar Anzeigen.
Undenkbar? Natürlich, geradezu absurd und beleidigend für das Regierungsmitglied eines Landes, wo man das Wort Pressefreiheit buchstabieren kann.
Bei uns ist das "normal", wie Faymanns treuer Staatssekretär Josef Ostermayer versichert. Mit Herausgebern wird freilich nicht nur über Inserate geplaudert, sondern auch gleich über freundliche Artikel, die man ja - bitteschön - dazukaufen könne. Der Inserate-Skandal rund um die ÖBB in der Zeit, als Faymann Infrastrukturminister war, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einem Sittenbild, das da heißt: "So kauf' ich mir die Zeitungen, aber nicht in der Trafik, sondern mit Steuergeldern."
Wenn in einer Gratiszeitung mit dem stolzen Namen Österreich steht, Faymann "sei die Notoperation der EU geglückt", dann weiß man, solche Jubelmeldungen werden nach Anzeigentarif verrechnet. Ein Vertrag zulasten Dritter, zulasten der Steuerzahler.
Davon profitieren regelmäßig zwei österreichische Familien, die sich rein finanziell vor der kommenden Wirtschaftskrise nicht fürchten müssen. Auch das ist Gerechtigkeit - beide bekommen, vor allem über zwei Gratiszeitungen, ungefähr gleich viel Geld. Zweifellos ein Akt geschickter Diplomatie.
Aber es kommt noch schlimmer: Nicht nur Politiker, auch Unternehmer fühlen sich von den robust vorgetragenen Forderungen der Gratis-Macher regelmäßig unter Druck gesetzt. Hinter vorgehaltener Hand erzählen sie gerne, wie positive redaktionelle Artikel als Draufgabe für üppige Inseratengelder angeboten werden. Und Redakteure berichten, wie sie angehalten wurden, unkritische Artikel über zahlungsbereite Firmen zu schreiben. Begründung des Herausgebers:
"Von euch lass ich mir mein Geschäft nicht kaputt machen." Politiker, die sich Meinung kaufen, Unternehmer, die sich vor Zeitungen fürchten - man kommt sich vor wie in Sizilien. Aber dort scheint wenigstens das ganze Jahr die Sonne.
Jetzt muss ein Wendepunkt unseres Mediensystems kommen. Das Land muss schnell riesige Korruptionsskandale aufklären. Das können nur Medien, die nicht käuflich sind, und Politiker, für die Zeitungen mehr sind als nur Lokomotiven zur nächsten Wahl.
Gut, dass es Staatssekretär Ostermayer gibt. Er sagte kürzlich:
"Journalisten müssen als vierte Macht im Staat ihrer Aufgabe ohne Druck von außen nachgehen können." Wir danken für die Unterstützung.

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