WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Eurokrise als Chance für Ost- und Westeuropa - von Hans Weitmayr

Wann kommt ein Politiker und sagt: "Ich bin ein Euro!"

Wien (OTS) - Es dauert wahrscheinlich nicht mehr lange, dann wird wohl irgendein Politiker aus Osteuropa, den USA oder irgendeinem anderen Nicht-Euro-Land frei nach John F. Kennedy vor laufender Kamera und einer möglichst großen Menschenmenge verkünden: "Ich bin ein Euro." Denn die Euro-Krise beschäftigt, so scheint es, inzwischen rhetorisch und politisch - wirtschaftlich sowieso - den halben Planeten. Russen und Chinesen überlegen, den Ländern der Eurozone mit Investitionen und Anleihenkäufen - natürlich vollkommen altruistisch - auf die Beine zu helfen. Die Creme de la Creme der bis vor Kurzem noch recht nationalistischen polnischen Politik fürchtet sich jeden Tag mehr vor einem Ende der Eurozone. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang, wie eine kurze EU-Präsidentschaft die Perspektive ändert. Man darf gespannt sein, welche Töne da in einem halben Jahr aus Warschau kommen. Die USA schicken sogar ihren Finanzminister zum informellen Ecofin - dem Treffen seiner europäischen Amtskollegen. Die Eurokrise wird in Washington also mittlerweile als interne Angelegenheit gesehen - offenbar auch in Brüssel, sonst hätte man sich diese Kontrollvisite wohl nicht so ohne Weiteres gefallen lassen.

So befremdlich und bizarr manche Reaktionen und Ratschläge von jenseits der Euro-Zone auch erscheinen mögen, zeigen sie doch, wie weit die Bedeutung dieses transnationalen Zahlungsmittels über den eigenen Raum hinweg ausstrahlt. Das ist auf globaler Ebene bemerkenswert, auf europäischer Ebene vielleicht sogar eine Chance. Je mehr sich die Länder des ehemaligen Ostblocks mit dem Euro beschäftigen, desto stärker ist die intellektuelle Auseinandersetzung mit Old Europe. Je informierter, desto weniger Vorurteile -vielleicht auch desto weniger historische Ängste. Bis vor Kurzem galt ja noch der Satz:"Wenn wir aus der Geschichte eines gelernt haben, dann sich nicht auf deutsche und französische Garantien zu verlassen." Dass manchen osteuropäischen Ländern Washington viel näher stand als Brüssel, Berlin oder Paris, ist kein Geheimnis.

Die Hoffnung lautet also, dass die Eurokrise dazu beiträgt, die emotionalen Grenzen zwischen Ost und West, die nach wie vor in manchen Köpfen stecken, ein wenig weiter abzutragen. Nichts führt Menschen näher zusammen als die gemeinsame Lösung eines Problems. Gewinnt Osteuropa den Eindruck, einen Teil zur Bewältigung der Eurokrise beigetragen zu haben und auch noch davon zu profitieren -und teilt Westeuropa dieses Gefühl dann auch -, hat diese Krise am Ende vielleicht doch noch etwas Gutes.

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