Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 8. September 2011. Von PETER NINDLER. "Der Herr Doktor mit Fragezeichen".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Mario-Max Schaumburg-Lippe ist eine wandelnde Peinlichkeit, seine Dissertation spricht für sich. Am Ende einer langen Plagiatsdebatte ist dann auch die Wissenschaft oft mit ihrem Latein am Ende.

Mario-Max Schaumburg-Lippe, der in den Hochadel adoptierte Prinz, hat niemanden mit seiner Dissertation getäuscht. Deshalb wird das Verfahren zur Aberkennung seines Doktortitels von der Uni Innsbruck nicht wieder aufgenommen. Seine damaligen Betreuer fühlten sich nicht hintergangen, obwohl die Art und Weise, wie die übernommenen Textpassagen in seiner Arbeit zitiert wurden, viele Fragen aufwirft. Aber manchmal ist auch die Wissenschaft mit ihrem Latein am Ende. Bei Schaumburg-Lippe, der vormals Mario Wagner hieß, passt die Debatte über seine Doktorarbeit aber in das Bild einer wandelnden Peinlichkeit.
Gutachter, Doktorväter und -mütter wurden nicht getäuscht. Ein Muster, das sich auch bei der Privatuniversität des Landes, der Haller UMIT, wie ein roter Faden durch die Vergangenheit zieht. Dort geht es nicht um den Verdacht von Plagiaten, sondern um die mangelnde wissenschaftliche Qualität der Doktorarbeiten im inzwischen aufgelösten Fach der Gesundheitswissenschaften. Die Vielzahl an fachfremden Arbeiten waren nur möglich, weil die zuständigen Professoren nicht nur ein Auge zugedrückt, sondern schlichtweg weggesehen haben. Der schnelle Doktortitel lockte wie ein Elixier, das jede Form von wissenschaftlicher Grundanständigkeit betäubt hat. Aber es geht letztlich in der gesamten akademischen Diskussion um Plagiate: Die Redlichkeit der Forschung steht auf dem Prüfstand, Dissertationen sind nichts anderes als eigenständige Forschungsarbeiten.
Der Fall Guttenberg hat eine Lawine losgetreten, weil er aufgezeigt hat, wie leicht man sich zum Doktor machen kann. Guttenberg stolperte jedoch über die Ge- und Enttäuschten, obwohl der deutsche Boulevard die Plagiatsaffäre um Guttenbergs Dissertation zuerst als lässliches Kavaliersdelikt downgraden wollte. Ja, auch das lehrte uns die Auseinandersetzung mit dem Diebstahl geistigen Eigentums. Auch Sehende können blind sein.
Anfangs sträubten sich auch die Universitäten, reagierten mit Abwehrreflexen gegen die Kritik der Plagiatsjäger. Die Hochschulen wollten sich einfach nicht getäuscht fühlen, denn das wäre ein Eingeständnis mangelnder wissenschaftlicher Sorgfalt gewesen. Doch mit der Zeit mussten sie die Fehler annehmen, damit sie daraus etwas lernen können.
Der Selbstreinigungsprozess ist aber nicht mehr aufzuhalten. Dafür muss man letztlich Guttenberg und Co. dankbar sein.

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