Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Seltsame Apathie"

Ausgabe vom 8. September 2011

Wien (OTS) - Ist es nun die Ruhe vor dem Sturm, oder sind es bloß die wüsten Phantasien von Finanz-Jongleuren, die mit der neuen Welt nicht mehr zurechtkommen? Da stellt sich der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, hin und erklärt, dass es um die Banken schlechter bestellt sei als im Jahr 2008. Da stellt sich der vom Saulus zum Paulus gewordene Großinvestor George Soros hin und erklärt, dass die aufkeimende Krise tiefer sei als jene nach der Pleite von Lehman (2008). Aus dem Internationalen Währungsfonds sickert, dass den europäischen Banken 200 Milliarden Euro an Eigenkapital fehlen. Die Arbeitslosenraten in vielen großen Ländern, wie USA, Spanien und Italien, sind viel zu hoch. Und die Konjunkturdaten für das Jahr 2012 zeigen steil nach unten.

Doch der öffentliche Aufschrei, das Aufbäumen gegen dieses Krisen-Szenario bleibt aus. 2008 hat Österreich noch die völlig unbedeutende Constantia Privatbank vor der sicheren Pleite bewahrt, weil ein Domino-Effekt befürchtet wurde.

Würde Constantia im Jahr 2011 pleitegehen, dann würde wohl jeder nur noch mit den Schultern zucken.

Was ist also passiert? Haben sich die Bürger, Politiker, Wirtschaftsprofessoren, Journalisten an die Untergangsszenarien gewöhnt?

Zum Teil ja. Ständiges Grauen verliert seinen Schrecken. Und eigentlich ist seit der Subprime-Krise im Jahr 2007 ja wenig passiert. Die U-Bahnen fahren, die Fabriken produzieren, die Einkaufszentren und Restaurants sind voll. Das Wetter ist gut, wozu sich also Sorgen machen? Alles nur Panikmache, und die Schwarm-Intelligenz von Finanzmärkten ähnelt sowieso jener von Amöben.

Was verhängnisvoll übersehen wird, ist das traurige Faktum, dass der Crash 2008 nur verhindert wurde, weil Staaten, Zentralbanken und supranationale Institutionen tausende Milliarden Euro einsetzten, um die Normalität aufrechtzuerhalten. Diese enormen Summen finden sich mittlerweile in den Schulden-Bilanzen der Länder.

Sie haben nun keine Kraft mehr, sich gegen den Abschwung oder die Pleite einer großen Bank zu stemmen. Was dann passiert? Niemand weiß es. Also schauen alle weg, apathisch. Ein interessantes Konzept. Sollte es funktionieren, hat die Welt allerdings in den vergangenen Jahren viel Geld umsonst ausgegeben ...

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