Heimische Zuckerrübenernte gestartet - Bauern fordern höhere Preise

Debatte um Zuckerpreis - Zucker in EU knapp und teuer - Bauern fordern weiters Quoten

Wien (OTS/aiz.info) - In Österreich startete am Montag dieser
Woche die diesjährige Zuckerrübenernte, heißt es im Berufsverband der Produzenten, "Die Rübenbauern". In den Bundesländern Niederösterreich, Oberösterreich, Burgenland, Steiermark und Kärnten bauten heuer ab Mitte März 7.600 Landwirte auf 46.456 ha Zuckerrüben an. Das ist ein Flächenzuwachs von 3,7% gegenüber 2010. Zu der Debatte um die vom heimischen Zuckerhersteller Agrana angekündigte Erhöhung der Zuckerpreise stellte Rübenbauernpräsident Ernst Karpfinger gegenüber aiz.info fest, die Rübenbauern sähen wie Agrana-Chef Johann Marihart die Ursache in den Folgen der EU-Zuckermarktreform von 2006 mit einer Kürzung der Produktion um ein Drittel. Dies habe die EU zum Nettoimporteur von Zucker werden lassen und habe nach dem dramatischen Anstieg der Weltmarktpreise zu einer Verknappung und Verteuerung geführt. Karpfinger sieht eine Zuckerpreiserhöhung als "notwendig" an und darin auch nur ein "Heranführen an das Preisniveau vor der Reform", die nämlich auch eine Senkung der Zuckerpreise um 36% und der Rübenpreise um fast 40% mit sich gebracht habe.

Jedenfalls sieht Karpfinger durch die missliche Situation der Zuckerknappheit in der EU und höherer Weltmarktpreise, die notwendige Importe empfindlich verteuern, "unsere Kritik an der Zuckermarktreform 2006 Schritt für Schritt bestätigt" und warnt davor, mit der offenbar von der EU-Kommission geplanten Abschaffung der Zuckerquoten nach dem September 2016 "den Weg noch weiter in diese falsche Richtung zu beschreiten". Karpfinger kritisiert daran vor allem, dass eine weitere Deregulierung des sensiblen Zuckermarktes in der EU die von der Union selbst gesteckten Ziele im Kampf gegen Rohstoff- und Nahrungsmittelspekulation sowie der Ernährungssicherheit mit kontinuierlicher Versorgung und stabilen Preisen konterkariere.

Landwirte und Industrie benötigen höheren Zuckerpreis - Produktion nicht kostendeckend

Die Rübenbauern würden ebenso wie die Industrie höhere Zuckerpreise auch deshalb benötigen, so Karpfinger, weil beide nach den Preissenkungen aus der Reform 2006 teurer produziert als sie daraus erlöst hätten. "Umsonst haben ja in der EU nicht ein Drittel der Zuckerindustrie und 140.000 Rübenbauern seither zusperren müssen." Die Zuckerpreiserhöhung stehe zwar mit den neuen Jahreskontrakten zwischen Industrie und Verarbeitern beziehungsweise Lebensmittelhandel erst im Herbst bevor, doch macht Karpfinger jetzt auch schon deutlich, dass die Rübenbauern daran "ihren gerechten Anteil mit allem Nachdruck einfordern" werden. Die Dimension ihrer Forderung ist laut dem Rübenbauern-Chef "bei einem Kostenanteil für den Rohstoff Rübe in der Zuckerproduktion von 40 bis 45% leicht auszurechnen". Zudem verweist er auf einen Anstieg der Betriebsmittelkosten im Rübenanbau in den letzten zwölf Monaten um EUR 100,- pro ha, wobei sich vor allem Energie als Preistreiber bemerkbar machte. Schließlich argumentieren die Rübenbauern damit, dass die Industrie auch aufgrund der Preise für die Konkurrenzkulturen für Rüben mehr zahlen müsse.

Kritik von Lebensmittelhandel und Zucker verarbeitender Industrie nicht nachvollziehbar

Einig ist sich Karpfinger mit Marihart darin, dass die in Medien geäußerte scharfe Kritik an der Preiserhöhung nicht nachvollziehbar ist. Marihart äußerte gegenüber der APA etwa zu den Aussagen von Spar-Chef Gerhard Drexel, Spar habe "die Preise schon Ende Juni angehoben, obwohl man monatelang noch altpreisigen Zucker hatte". Karpfinger bestätigt, Agrana habe aus ihrer Philosophie der langfristigen Kundenbindung und deren kontinuierlicher Versorgung mit den im vorigen September geschlossenen Jahreskontrakten im abgelaufenen Jahr trotz des zwischenzeitlichen sprunghaften Anstiegs der Weltmarktpreise eine ausreichende Zuckerversorgung zu christlichen Preisen sicherstellen können. Zudem relativiert der Rübenbauern-Präsident die Kritik des Lebensmittelhandels und der Zucker verarbeitenden Industrie wie der Getränkehersteller auch damit, dass "die mit der Zuckerreform 2006 verbundene Senkung der Rübenpreise um 39,4% und der Zuckerpreise um 36% den Zuckerverarbeitern in der EU laut eigenen Angaben EUR 2 Mrd. pro Jahr erspart. An die Konsumenten wurde davon aber praktisch nichts weitergegeben".

Nach anfänglichen Schwierigkeiten ein gutes Rübenjahr 2011

Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Aufgang - nach den Winterregen verkrusteten vielerorts die Böden, sodass die jungen Pflänzchen sie nicht durchstoßen konnten - fand die süße Hackfrucht jedoch im weiteren Vegetationsverlauf hervorragende Bedingungen vor. Die ersten Rodungen brachten demnach Hektarerträge zwischen 60 und 65 t mit einem zum frühen Erntestart schon ausgezeichnetem Zuckergehalt von 16,5 bis 17%.

Die beiden österreichischen Zuckerfabriken der Agrana werden die diesjährige Verarbeitungskampagne am 08.09. am Standort Tulln und am 09.09. in Leopoldsdorf beginnen. Die ersten hervorragenden Rodeergebnisse und die heuer zu erwartende große Rübenmenge von 3,3 Mio. t (2010: 3,13 Mio. t) rechtfertigen, so "Die Rübenbauern", den heuer sehr zeitig angesetzten Erntebeginn. Bei den Rübenbauern schätzt man, dass aus der angelaufenen Ernte gut 500.000 t Weißzucker (2010/11: 491.858 t) gewonnen werden können. Österreichs Weißzuckerquote in der EU beträgt 351.027 t.

Hintergrund: Wie die Zuckerreform 2006 zu Verknappung und Verteuerung führte

Die Zuckerrübe steht nach der EU-Zuckermarktreform 2006 mit einer fast 40%igen Kürzung der Rübenpreise bei einem nur 64,2%-Ausgleich durch Direktzahlungen bei den Landwirten in einem harten Wettbewerb um die Anbauflächen mit konkurrierenden Kulturen wie Mais, Getreide oder Raps. Denn während die Rübenpreise in den letzten Jahren gekürzt worden sind, zogen die Erlöse für die Konkurrenzkulturen scharf an und machten die Zuckerrübenproduktion wirtschaftlich weniger attraktiv für die Landwirte.

Dabei wurde Zucker in der EU durch ebendiese Reform von 2006 ein knappes und gefragtes Produkt: Die EU stutzte darin nämlich die ehedem 18,4 Mio. t Erzeugungsquoten um 30% auf 12 Mio. t zusammen und senkte den Eigenversorgungsgrad der EU mit Zucker von früher deutlich über 100% auf rund 85%, weil man glaubte, sich lieber mit billigem Weltmarktzucker statt des bis dahin stets teureren Zuckers aus Eigenproduktion versorgen zu wollen. Mittlerweile muss die EU pro Jahr (2010/11) netto 3,7 Mio. t vom Weltmarkt einführen, um den Eigenverbrauch decken zu können. In der EU gingen dafür 25.000 Arbeitsplätze in der Zuckerwirtschaft verloren. 80 von 180 Zuckerfabriken mussten schließen und 140.000 landwirtschaftliche Betriebe den Rübenanbau aufgeben.

Gleichzeitig wurde der Zuckerreferenzpreis in der EU um 36% auf EUR 404,40 pro t gesenkt, weil die EU annahm, dass dieser Preis noch immer über dem Weltmarktniveau liegen werde. Negative globale Zucker-Versorgungsbilanzen 2008/09 und 2009/10 trieben aber den Weltmarktpreis gewaltig in die Höhe. Im Dezember 2010 lag der von der EU-Kommission erhobene Marktpreis für Quotenzucker in der EU bei EUR 486,- pro t, während der Weltmarktpreis umgerechnet EUR 539,- pro t betrug.

Die nun von Importen abhängige Union wurde damit aber als Exportdestination für überseeische Lieferanten uninteressant und die notwendigen Zuckerlieferungen blieben zunehmend aus. Die Folge:
Zucker wurde in der EU knapp und teuer. Der Zuckerreferenzpreis in der EU schnellte bis April dieses Jahres auf fast EUR 600,- pro t in die Höhe. Vor allem im östlichen Mitteleuropa spitzte sich die Lage krass zu. Etwa 800.000 bis 900.000 t Zucker fehlen im östlichen Mitteleuropa. Die Verbraucher in jenen EU-Ländern wie Polen oder Ungarn, das sind jene Staaten, die nach der Zuckerreform 2006 massiv Quoten aufgegeben und die Produktion so weit zurückgefahren haben, dass sie ihren Eigenbedarf an Zucker nicht mehr selbst decken können, zahlten explodierende Preise. Ungarn benötigt beispielsweise 300.000 t Zucker pro Jahr, produziert aber nur mehr 100.000 t. Auf den Spotmärkten in den neuen EU-Mitgliedstaaten erreichten die Zuckerpreise für Residualmengen bis zu EUR 990,- pro t.

Bilder von leer gekauften Supermarktregalen und von Hamsterkäufen im benachbarten Ausland wie Österreich und Deutschland gingen daraufhin durch die Medien. Ungarische Verbraucher mussten etwa für 1 kg Haushaltszucker mit bis zu EUR 1,60 den doppelten Preis bezahlen als noch zu Jahresbeginn. Hierzulande zahlte der Konsument bislang etwa EUR 1,10 pro kg.
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