- 07.09.2011, 15:07:35
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Heimische Zuckerrübenernte gestartet - Bauern fordern höhere Preise
Debatte um Zuckerpreis - Zucker in EU knapp und teuer - Bauern fordern weiters Quoten
Wien (OTS/aiz.info) - In Österreich startete am Montag dieser
Woche die diesjährige Zuckerrübenernte, heißt es im Berufsverband der
Produzenten, "Die Rübenbauern". In den Bundesländern
Niederösterreich, Oberösterreich, Burgenland, Steiermark und Kärnten
bauten heuer ab Mitte März 7.600 Landwirte auf 46.456 ha Zuckerrüben
an. Das ist ein Flächenzuwachs von 3,7% gegenüber 2010. Zu der
Debatte um die vom heimischen Zuckerhersteller Agrana angekündigte
Erhöhung der Zuckerpreise stellte Rübenbauernpräsident Ernst
Karpfinger gegenüber aiz.info fest, die Rübenbauern sähen wie
Agrana-Chef Johann Marihart die Ursache in den Folgen der
EU-Zuckermarktreform von 2006 mit einer Kürzung der Produktion um ein
Drittel. Dies habe die EU zum Nettoimporteur von Zucker werden lassen
und habe nach dem dramatischen Anstieg der Weltmarktpreise zu einer
Verknappung und Verteuerung geführt. Karpfinger sieht eine
Zuckerpreiserhöhung als "notwendig" an und darin auch nur ein
"Heranführen an das Preisniveau vor der Reform", die nämlich auch
eine Senkung der Zuckerpreise um 36% und der Rübenpreise um fast 40%
mit sich gebracht habe.
Jedenfalls sieht Karpfinger durch die missliche Situation der
Zuckerknappheit in der EU und höherer Weltmarktpreise, die notwendige
Importe empfindlich verteuern, "unsere Kritik an der
Zuckermarktreform 2006 Schritt für Schritt bestätigt" und warnt
davor, mit der offenbar von der EU-Kommission geplanten Abschaffung
der Zuckerquoten nach dem September 2016 "den Weg noch weiter in
diese falsche Richtung zu beschreiten". Karpfinger kritisiert daran
vor allem, dass eine weitere Deregulierung des sensiblen
Zuckermarktes in der EU die von der Union selbst gesteckten Ziele im
Kampf gegen Rohstoff- und Nahrungsmittelspekulation sowie der
Ernährungssicherheit mit kontinuierlicher Versorgung und stabilen
Preisen konterkariere.
Landwirte und Industrie benötigen höheren Zuckerpreis - Produktion
nicht kostendeckend
Die Rübenbauern würden ebenso wie die Industrie höhere
Zuckerpreise auch deshalb benötigen, so Karpfinger, weil beide nach
den Preissenkungen aus der Reform 2006 teurer produziert als sie
daraus erlöst hätten. "Umsonst haben ja in der EU nicht ein Drittel
der Zuckerindustrie und 140.000 Rübenbauern seither zusperren
müssen." Die Zuckerpreiserhöhung stehe zwar mit den neuen
Jahreskontrakten zwischen Industrie und Verarbeitern beziehungsweise
Lebensmittelhandel erst im Herbst bevor, doch macht Karpfinger jetzt
auch schon deutlich, dass die Rübenbauern daran "ihren gerechten
Anteil mit allem Nachdruck einfordern" werden. Die Dimension ihrer
Forderung ist laut dem Rübenbauern-Chef "bei einem Kostenanteil für
den Rohstoff Rübe in der Zuckerproduktion von 40 bis 45% leicht
auszurechnen". Zudem verweist er auf einen Anstieg der
Betriebsmittelkosten im Rübenanbau in den letzten zwölf Monaten um
EUR 100,- pro ha, wobei sich vor allem Energie als Preistreiber
bemerkbar machte. Schließlich argumentieren die Rübenbauern damit,
dass die Industrie auch aufgrund der Preise für die
Konkurrenzkulturen für Rüben mehr zahlen müsse.
Kritik von Lebensmittelhandel und Zucker verarbeitender Industrie
nicht nachvollziehbar
Einig ist sich Karpfinger mit Marihart darin, dass die in Medien
geäußerte scharfe Kritik an der Preiserhöhung nicht nachvollziehbar
ist. Marihart äußerte gegenüber der APA etwa zu den Aussagen von
Spar-Chef Gerhard Drexel, Spar habe "die Preise schon Ende Juni
angehoben, obwohl man monatelang noch altpreisigen Zucker hatte".
Karpfinger bestätigt, Agrana habe aus ihrer Philosophie der
langfristigen Kundenbindung und deren kontinuierlicher Versorgung mit
den im vorigen September geschlossenen Jahreskontrakten im
abgelaufenen Jahr trotz des zwischenzeitlichen sprunghaften Anstiegs
der Weltmarktpreise eine ausreichende Zuckerversorgung zu
christlichen Preisen sicherstellen können. Zudem relativiert der
Rübenbauern-Präsident die Kritik des Lebensmittelhandels und der
Zucker verarbeitenden Industrie wie der Getränkehersteller auch
damit, dass "die mit der Zuckerreform 2006 verbundene Senkung der
Rübenpreise um 39,4% und der Zuckerpreise um 36% den
Zuckerverarbeitern in der EU laut eigenen Angaben EUR 2 Mrd. pro Jahr
erspart. An die Konsumenten wurde davon aber praktisch nichts
weitergegeben".
Nach anfänglichen Schwierigkeiten ein gutes Rübenjahr 2011
Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Aufgang - nach den
Winterregen verkrusteten vielerorts die Böden, sodass die jungen
Pflänzchen sie nicht durchstoßen konnten - fand die süße Hackfrucht
jedoch im weiteren Vegetationsverlauf hervorragende Bedingungen vor.
Die ersten Rodungen brachten demnach Hektarerträge zwischen 60 und 65
t mit einem zum frühen Erntestart schon ausgezeichnetem Zuckergehalt
von 16,5 bis 17%.
Die beiden österreichischen Zuckerfabriken der Agrana werden die
diesjährige Verarbeitungskampagne am 08.09. am Standort Tulln und am
09.09. in Leopoldsdorf beginnen. Die ersten hervorragenden
Rodeergebnisse und die heuer zu erwartende große Rübenmenge von 3,3
Mio. t (2010: 3,13 Mio. t) rechtfertigen, so "Die Rübenbauern", den
heuer sehr zeitig angesetzten Erntebeginn. Bei den Rübenbauern
schätzt man, dass aus der angelaufenen Ernte gut 500.000 t Weißzucker
(2010/11: 491.858 t) gewonnen werden können. Österreichs
Weißzuckerquote in der EU beträgt 351.027 t.
Hintergrund: Wie die Zuckerreform 2006 zu Verknappung und Verteuerung
führte
Die Zuckerrübe steht nach der EU-Zuckermarktreform 2006 mit einer
fast 40%igen Kürzung der Rübenpreise bei einem nur 64,2%-Ausgleich
durch Direktzahlungen bei den Landwirten in einem harten Wettbewerb
um die Anbauflächen mit konkurrierenden Kulturen wie Mais, Getreide
oder Raps. Denn während die Rübenpreise in den letzten Jahren gekürzt
worden sind, zogen die Erlöse für die Konkurrenzkulturen scharf an
und machten die Zuckerrübenproduktion wirtschaftlich weniger
attraktiv für die Landwirte.
Dabei wurde Zucker in der EU durch ebendiese Reform von 2006 ein
knappes und gefragtes Produkt: Die EU stutzte darin nämlich die
ehedem 18,4 Mio. t Erzeugungsquoten um 30% auf 12 Mio. t zusammen und
senkte den Eigenversorgungsgrad der EU mit Zucker von früher deutlich
über 100% auf rund 85%, weil man glaubte, sich lieber mit billigem
Weltmarktzucker statt des bis dahin stets teureren Zuckers aus
Eigenproduktion versorgen zu wollen. Mittlerweile muss die EU pro
Jahr (2010/11) netto 3,7 Mio. t vom Weltmarkt einführen, um den
Eigenverbrauch decken zu können. In der EU gingen dafür 25.000
Arbeitsplätze in der Zuckerwirtschaft verloren. 80 von 180
Zuckerfabriken mussten schließen und 140.000 landwirtschaftliche
Betriebe den Rübenanbau aufgeben.
Gleichzeitig wurde der Zuckerreferenzpreis in der EU um 36% auf
EUR 404,40 pro t gesenkt, weil die EU annahm, dass dieser Preis noch
immer über dem Weltmarktniveau liegen werde. Negative globale
Zucker-Versorgungsbilanzen 2008/09 und 2009/10 trieben aber den
Weltmarktpreis gewaltig in die Höhe. Im Dezember 2010 lag der von der
EU-Kommission erhobene Marktpreis für Quotenzucker in der EU bei EUR
486,- pro t, während der Weltmarktpreis umgerechnet EUR 539,- pro t
betrug.
Die nun von Importen abhängige Union wurde damit aber als
Exportdestination für überseeische Lieferanten uninteressant und die
notwendigen Zuckerlieferungen blieben zunehmend aus. Die Folge:
Zucker wurde in der EU knapp und teuer. Der Zuckerreferenzpreis in
der EU schnellte bis April dieses Jahres auf fast EUR 600,- pro t in
die Höhe. Vor allem im östlichen Mitteleuropa spitzte sich die Lage
krass zu. Etwa 800.000 bis 900.000 t Zucker fehlen im östlichen
Mitteleuropa. Die Verbraucher in jenen EU-Ländern wie Polen oder
Ungarn, das sind jene Staaten, die nach der Zuckerreform 2006 massiv
Quoten aufgegeben und die Produktion so weit zurückgefahren haben,
dass sie ihren Eigenbedarf an Zucker nicht mehr selbst decken können,
zahlten explodierende Preise. Ungarn benötigt beispielsweise 300.000
t Zucker pro Jahr, produziert aber nur mehr 100.000 t. Auf den
Spotmärkten in den neuen EU-Mitgliedstaaten erreichten die
Zuckerpreise für Residualmengen bis zu EUR 990,- pro t.
Bilder von leer gekauften Supermarktregalen und von Hamsterkäufen
im benachbarten Ausland wie Österreich und Deutschland gingen
daraufhin durch die Medien. Ungarische Verbraucher mussten etwa für 1
kg Haushaltszucker mit bis zu EUR 1,60 den doppelten Preis bezahlen
als noch zu Jahresbeginn. Hierzulande zahlte der Konsument bislang
etwa EUR 1,10 pro kg.
(Schluss) pos
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