Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 6. September 2011. Von MICHAEL SPRENGER. "Ein bitterer Abgang".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der frühere ÖVP-Parteiobmann und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel konnte mit seinem Abschied aus der Politik noch einmal überraschen. Doch über den Zustand der Republik kann dies alles nicht hinwegtäuschen.

Tue das Unerwartete. Wolfgang Schüssel versuchte sein Lebensmotto reichlich zur Anwendung zu bringen. Auch sein Abgang von der politischen Bühne kann als ein diesbezügliches Bekenntnis interpretiert werden.
Seine Bewunderer nannten ihn hierfür einen Strategen, um Schüssels Wendungen im Nachhinein rechtfertigen zu können. Doch nein, Stratege war Schüssel keiner. Er verfolgte in seiner Politik keinen großen Plan, wohl aber war er ein Taktierer, vielleicht sogar "der größte Taktierer, den wir in der Zweiten Republik je hatten", wie es der Schriftsteller Karl-Markus Gauß einmal formulierte.
Denn wäre er ein Stratege, hätte er schon vor Jahren seinen Abschied aus der Politik inszeniert. So blieb ihm nur noch der überraschende Abgang als Abgeordneter. Für den langjährigen ÖVP-Parteichef, der für seine Partei nach 30 Jahren das Kanzleramt zurückeroberte, ein bitterer Schlussakt seiner Karriere.
Mit seinem Rücktritt verhinderte er für sich, in den kommenden Parlamentssitzungen als willfährige Zielscheibe herhalten zu müssen. Denn der Fall Telekom hat nach den schon sattsam bekannten Affären seiner Kanzlerjahre das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Zudem versuchte er noch einmal die Rolle des Parteisoldaten - um dem neuen Parteichef Michael Spindelegger ein wenig zu helfen.
Schüssel will seinen Rücktritt jedenfalls nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen. Warum er glaubt, dass sein Schritt die Aufklärung durch die Justiz "erleichtern" werde, bleibt jedoch sein Geheimnis. Denn wie hätte denn ein Abgeordneter Schüssel die Arbeit der Justiz be- oder gar verhindern können?
Weil einem angesichts des Zustandes von Politik und Justiz allein die Fortführung solch eines Gedankenspiels Angst einflößt, bleibt einem nur die Hoffnung, dass der Nationalrat und die Bundesregierung endlich ihren Beitrag wider die verlotterte Republik leisten. Auch wenn dies angesichts der derzeit handelnden politischen Personen vielleicht ein naiver Wunsch ist. Aber immerhin ein Wunsch - dass anstatt des Verfolgens des Kleingeistes Bundeskanzler Werner Faymann sein Vizekanzler und die Parteichefs der Opposition in einer gemeinsamen Aktion einen gewichtigen Beitrag zur Erneuerung des morschen politischen Systems leisten. Nicht als Taktierer, sondern den Ernst der Lage erkennend tatsächlich als Strategen. In Anlehnung an Schüssels Motto könnte man also laut schreien: Tut endlich das Unerwartete!

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