TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 5. September 2011 von Christian Jentsch "Israel zwischen Aufbruch und Abwehr"

Innsbruck (OTS) - Utl.: In Israel gehen Hunderttausende junge Menschen auf die Straße, um eine neue Zukunft und mehr Mitbestimmung einzufordern. Der Geist der arabischen Revolution stellt auch Israel vor neue Realitäten.

Gerade jetzt. Gerade jetzt, da die Palästinenser die Vereinten Nationen um die Anerkennung eines eigenen Staates bitten wollen und bei Israels Regierung die Alarmglocken schrillen lassen. Gerade jetzt, da Israels Militär zu einer neuen Konfrontation mit den Palästinensern rüstet und die Regierung von Premier Netanjahu mit einer neuen Offensive im Westjordanland droht, sollten die Palästinenser tatsächlich einseitig ihren Traum vom eigenen Staat verwirklichen wollen. Ja, gerade jetzt strömen Hunderttausende vor allem junge Israelis auf die Straßen, um bereits die achte Woche in Folge für mehr soziale Gerechtigkeit zu protestieren. Rund 450.000 Menschen nahmen am Samstag landesweit an der bislang größten Protestwelle in der Geschichte Israels teil, allein in Tel Aviv waren es 300.000. "Herr Ministerpräsident, sehen Sie uns gut an: Wir sind die neuen Israelis", erklärte der Vorsitzende des nationalen Studentenbundes, Itzik Schmuel, in Blickrichtung Regierung. Was mit einem Zeltlager von Studenten im Zentrum von Tel Aviv begonnen hatte, hat mittlerweile das ganze Land und die Mittelschicht erfasst. Die Menschen protestieren gegen immer höhere Mieten und Lebensmittelkosten, für eine bessere Gesundheitsvorsorge und ein besseres Bildungssystem. Sie stemmen sich gegen eine Kluft, welche auch die israelische Gesellschaft immer mehr zu trennen droht. Jenseits des ständigen Kriegszustandes mit den Palästinensern, der die Israelis im Kampf gegen das Außen einen soll, suchen junge Menschen nach einer neuen Zukunft.
Und auch wenn zwischen dem Roth schild-Boulevard in Tel Aviv und dem Tahrir-Platz in Kairo Welten liegen, so hat der Geist der arabischen Revolution - der mittlerweile die gesamte arabische Welt erfasst hat - nun wohl auch Israels Straßen erreicht. In dem Sinne, dass viele zuvor stumme Menschen ihre Stimme wiedergefunden zu haben scheinen. Eine Stimme, die nun nicht mehr zu überhören ist. Eines scheint jedenfalls klar: Israels Regierung wird handeln müssen. "Die neuen Israelis" - eine Bewegung jenseits aller politischer Parteien -fordern ein Mitspracherecht bei der Zukunft ihres Landes. Und auch im Umgang mit den Palästinensern werden Israels politische Hardliner eine Kehrtwendung machen müssen. Der arabische Frühling hat eine neue politische Landkarte gezeichnet. Als Besatzungsmacht und Nein-Sager am außenpolitischen Parkett verbaut man sich die Zukunft. Verbaut man sich den Frieden.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001