WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Baukräne müssen sich weiter drehen - von Andre Exner

Kommt die große Inflation, sind Immobilien kein sicherer Hafen

Wien (OTS) - Die heute Früh vorgelegten Halbjahreszahlen des Marktführers Strabag sind der beste Beweis: Der heimischen Baubranche geht es heuer prächtig. Von Jänner bis Mai wurden in Österreich 4,7 Milliarden Euro verbaut - um 1,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Immobilienpreise sind kräftig gestiegen, und im Herbst rechnen Makler schon mit dem nächsten Schub - denn "Betongold" steht in unsicheren Zeiten so hoch im Kurs wie Goldbarren. Ob gefördertes Wohnen oder freifinanzierte Luxuswohnungen um bis zu 25.000 Euro pro m2: Der Markt würde noch viel mehr Wohnungen vertragen, denn die Käufer stehen Schlange. Auch im Bürobereich sprechen Experten in der Wiener Innenstadt bereits von einem Boom. So soll Immo-Tycoon Rene Benko die Vermietung der Flächen über dem Bank Austria-Kunstforum an den Verfassungsgerichtshof zu einem einmaligen Preis gelungen sein.

In Zeiten, wo manche Staatsanleihen als riskant gelten und trotzdem nicht mehr als zwei Prozent Rendite aufweisen, Immobilien aber selbst in Wien bis zu sieben Prozent Ertrag nach Steuern bringen und Banken nicht mit Finanzierungen geizen, spricht eigentlich alles dafür, dass die Bau- und Immobilienwirtschaft weiter kräftig wächst.

Doch setzt man die rosarote Brille ab und betrachtet die Branche mit kritischen Augen, sieht alles ganz anders aus: Das Plus am Bau könnte bereits 2012 einem Minus weichen, da der Tiefbau schon heuer kräftig eingebrochen ist und dem Hochbau aufgrund von sich leerenden Wohnbauförder-Töpfen ein Abschwung droht. Stellen die Unternehmen auf Krisen-Modus um oder bauen Mitarbeiter ab, brauchen sie keine neuen Büroflächen. Und kommt gar die große Inflation, vor der sich alle fürchten, sind Immobilien kein sicherer Hafen, sondern eine "Betonfalle". Im Wohnbereich kann die Politik die Indexierung aussetzen. Im Gewerbebereich wird man in einer Krise froh sein, wenn der Mieter nicht zusätzlich auch noch einen Mietnachlass fordert.

Österreich ist auf ständiges Wachstum am Bau angewiesen. Der Anteil der Baubranche am Bruttoinlandsprodukt liegt mit 6,9 Prozent weit über dem Schnitt der Eurozone. Der Sektor beschäftigt rund eine viertel Million Menschen und Bau-Know-how made in Austria ist längst nicht nur in Osteuropa ein Exportschlager. Ob sich die heimischen Kräne 2012 drehen oder still stehen, hängt auch von der Politik ab. Bei Förderungen zu sparen, Infrastrukturprojekte zu verkleinern oder privates Immobilieninvestment gar mit einer Vermögenssteuer zu bestrafen, ist der falsche Weg.

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