TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 30. August 2011 von Irene Heisz "Das Ende der Heuchelei"

Diesmal proben nicht die Laien, sondern der Heuchelei überdrüssige Kleriker den Aufstand gegen Rom.

Innsbruck (OTS) - Im Vatikan ist man Kummer mit Österreich gewöhnt - spätestens seit dem Skandal um den pädophilen Kardinal Groer, der 1995 zur Gründung der weltweit kopierten "Plattform Wir sind Kirche" und zum "Kirchenvolksbegehren" führte.
Wie die Informationsflüsse zwischen Österreich und Rom funktionieren, weiß man selten genau, doch liegt die Vermutung nahe, dass zurzeit die Drähte heiß laufen. Die Situation, die Helmut Schüller und seine Mitstreiter in der "Pfarrer-Initiative" mit dem "Aufruf zum Ungehorsam" provoziert haben, muss aus römischer Sicht weit brisanter sein als alles an Reform- und Widerstandsgeist, was in den vergangenen 15 Jahren in Petitionen, Unterschriftenlisten u. Ä. gegossen wurde. Denn diesmal sind es nicht Laien, sondern von der Kirche geweihte und auf die Kirche eingeschworene Männer, die - im Interesse der Zukunft ihrer Kirche - nicht länger stillhalten. Das geht ans Eingemachte.
Nicht zufällig sind Priester wie Helmut Schüller die Protagonisten der Aufsehen erregenden Bewegung: Heute Ende 50, Anfang 60, wurden sie in einer Zeit des hoffnungsvollen Aufbruchs katholisch sozialisiert. Ihre Lebensentscheidungen, Priester zu werden, trafen sie unter den Vorzeichen der Positionierung der Kirche in der Moderne.
Diese Positionierung steht heute zwar in der täglich gelebten Praxis vieler Pfarrer und Pfarren außer Streit, aber immer noch diametral zu den offiziellen Regeln. Wenn Pfarrer tun, was ihnen vor Gott und der Welt richtig vorkommt - von eigenen Liebesbeziehungen bis hin zur Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene -, tun sie das im klaren Bewusstsein, gegen die Regeln zu verstoßen, aber nicht selten mit dem stillschweigenden Einverständnis ihrer Bischöfe.
Diese Heuchelei hat System, und das wollen Schüller und Hunderte andere Pfarrer nicht länger leben. Die initiativen Pfarrer wissen haargenau: Um den erratischen Block "Ungehorsam", den sie in den Mahlstrom ängstlicher Kirchenbeharrlichkeit geschleudert haben, kommt Österreichs Kirchenleitung nicht herum. Sofern er nicht seine eigene Karriere ruinieren will, kann Kardinal Schönborn der Provokation weder nachgeben oder gar zustimmen noch sie ignorieren.
Der Kardinal und die Bischöfe andererseits wissen, dass breite Teile des Volkes die Forderungen der "Ungehorsamen" teilen und Sanktionen gegen Unterstützer der Tropfen sein könnten, der bei vielen Gläubigen das Fass zum Überlaufen bringen und den Kirchenbeitragsfluss versiegen lassen könnte.
Die Eskalation ist programmiert, der Kardinal gefangen in einem unlösbaren Dilemma - ironischerweise ähnlich jenem, mit dem Pfarrer an der Kirchenfront kämpfen.

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