"DER STANDARD"-Kommentar: "Aufruf zur Einmischung" von Alexandra Föderl-Schmid

Wie die Kultur und Literatur Handlungsanregungen für die Politik geben - Ausgabe vom 30.8.2011

Wien (OTS) - Der Sommer ist vorbei, auch wenn die Temperaturen
dies nicht vermuten lassen. Die österreichischen Politiker waren in den vergangenen Wochen abgetaucht - sicherlich, um Kraft zu tanken für die anstehenden Reformprojekte und sich Anregungen zu holen. Hoffentlich bei einem der diversen Festivals, die es in diesem Land in den Sommerwochen in einer Fülle gibt, wie dies wohl einzigartig auf der Welt ist. In diesen Wochen zeigt sich eindrucksvoll, dass Österreich eine Kulturgroßmacht ist. Weil in Österreich alle gesellschaftlichen Bereiche von der Politik durchflutet sind, findet die Politik im Kulturumfeld statt - vorzugsweise bei den Premieren in Bregenz und Salzburg.
Die Salzburger Festspiele traten an mit dem aufrüttelnden Motto "Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken". Der von Luigi Nono entliehene Leitspruch wurde von Kurzzeit-Intendant Markus Hinterhäuser und Schauspielchef Thomas Oberender anregend mit Leben erfüllt. Es gab in dieser Saison Inszenierungen, die diesem Anspruch gerecht wurden: allen voran das Wagnis ,Faust I und II.' Insbesondere in ,Faust II' ist das große Thema die Auseinandersetzung mit dem Prozess des wirtschaftlichen Wachstums. In der Wette zwischen Faust und dem Teufel in Gestalt des Mephistopheles geht es auch um die Herstellung von künstlichem Gold. Bekanntlich ist das alchemistische Experiment gescheitert, der "verfluchte Hunger nach Gold". Nicolas Sterman verlegte die Handlung des Goethe-Stücks konsequenterweise in die Jetztzeit, mit einem herumtobenden Derwisch mit dem Deutsche-Bank-Logo auf der Brust.
Ein anderes Megathema, das die Politik endlich begreifen müsste, ist die Überalterung. Wie es ist, wenn der Wunsch nach ewigem Leben in Erfüllung geht, wurde in Leos Janáceks Oper ,Die Sache Makropulos' eindrucksvoll vor Augen geführt: Mehr als 300 Jahre ist Elina Makropulos auf der Welt und entscheidet sich dagegen, noch einmal den lebensverlängernden Trank zu sich zu nehmen. Angela Denoke vermochte es in dieser Inszenierung, die heute, Dienstag, den Abschluss der diesjährigen Salzburger Festspiele bildet, sehr prägnant die Kehrseite des Jugendwahns darzustellen. Dass vielmehr das Altern in Würde erstrebenswert ist. Und der Umgang mit dem Tod, der nicht nur auf den reichen Mann wartet, wird im ,Jedermann' aufgeführt.
Den direktesten Handlungsaufruf an die Politik richtete Peter Handke in seinem Stück ,Immer noch Sturm', das sich mit der Situation der Kärntner Slowenen und ihrer Wahrnehmung in ihrer Heimat befasst. Trotz der Ortstafellösung leiden Kärntner Slowenen an Akzeptanz, Handke hat das in seinem Prosastück zur Sprache gebracht.
Um das Generalthema Gerechtigkeit ging es in Bregenz. Wohin jedoch Revolutionen führen können, zeigt das Schicksal des Dichters ,André Chénier', den die Festspiele am Bodensee heuer zur Aufführung brachten. Bei der Auswahl dieses nicht sehr populären Stückes zeigte sich aber, dass sich Mut lohnen kann.
Den fordert auch Stéphane Hessel ein: Nach seinem Aufruf ,Empört Euch!' folgt nun das logische ,Engagiert Euch!' Das Buch des 93-Jährigen ist - wie die nichtgehaltene Salzburger Eröffnungsrede ,Der Aufstand des Gewissens' von Jean Ziegler - ein Weckruf für alle Bürger, sich einzumischen. Es ist ein Plädoyer für das politische Erbe des Widerstandes, der in Österreich dem Aufruf zum Ungehorsam entspricht.

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