"Die Presse"-Leitartikel: Dem iGod ist erlaubt, was bei anderen verteufelt wird, von Jakob Zirm

Ausgabe vom 26. August 2011

Wien (OTS) - Apple behindert Konkurrenten wie einst Microsoft und sammelt unerlaubt Daten wie Google. Bei Steve Jobs wird jedoch nonchalant darüber hinweggesehen.

Es ist ein Verlust. Für Apple, aber auch für technikbegeisterte Menschen rund um den Erdball. Denn mit Steve Jobs zieht sich einer der innovativsten Köpfe der Elektronikbranche wohl endgültig aus dem Geschäft zurück. Er gilt als Triebfeder für unzählige iProdukte, die ihren Kunden Freude bereiten oder das Leben leichter machen.

Es ist aber auch eine menschliche Tragödie. Denn Steve Jobs will sich nicht zurückziehen. Doch der Krebs, gegen den der Apple-Gründer bereits seit Jahren ankämpft, zwingt ihn dazu.

Unter seiner Führung wandelte sich Apple in etwas mehr als einem Jahrzehnt vom Konkurskandidaten zum führenden Hersteller von intelligenten Handys und Tablet-PCs. Für viele ist Apple heute nicht mehr bloß irgendeine Marke, sondern wird fast schon religiös verehrt. Und wie bei Religionen üblich, werden von den Anhängern auch die Schattenseiten von Apple nicht wahrgenommen.

Bei allen Lobeshymnen, die nun auf Apple, Jobs oder iPhone gesungen werden, sollte eines nicht vergessen werden: Auch die Firma mit dem Apfellogo ist ein ganz normaler Konzern, der mit aller Härte um seine Marktmacht kämpft, für den Kundendaten eine wertvolle Ressource sind und der von Zulieferern unter oft gesetzeswidrigen Zuständen produzieren lässt. Bei Apple schaut die Öffentlichkeit jedoch nonchalant darüber hinweg und erfreut sich lieber am lässigen Auftritt von Jobs bei der jüngsten iIrgendwas-Präsentation.

Besonders frappant ist der Vergleich mit Apples ehemaligem Erzrivalen Microsoft. So waren der Softwaregigant und sein Gründer Bill Gates in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren Stammkunden bei Kartellgerichten in den USA oder der EU. Der Vorwurf unter anderem:
Microsoft würde den Konkurrenten Windows-Schnittstellen vorenthalten, damit eigene Zusatzprogramme einen unfairen Vorteil haben.

Apple verhindert bei iPhone und iPad heute ganz offen internetbasierte Applikationen im sogenannten "Flash"-Format des ehemaligen Wegbegleiters Adobe. Begründet wird dies mit technischen Mängeln. Willkommener "Nebeneffekt": Apple kontrolliert auch künftig die einzige Schnittstelle, um Apps (kleine Zusatzprogramme) auf den iProdukten zu installieren. Und wer diese Schnittstelle nutzen möchte, muss 30 Prozent des Umsatzes als Obolus an die Zentrale in Cupertino überweisen.

Wer die Apple-Welt nicht mag, soll sich halt ein Produkt eines Konkurrenten kaufen, mögen viele nun einwerfen. Das ist aber nicht ganz einfach. So verhinderte Apple per Klage erst diese Woche de facto den europaweiten Verkauf von mehreren Samsung-Handys. Die Südkoreaner hätten unter anderem das schlichte Design des iPhones kopiert. Auch andere Hersteller deckt Apple regelmäßig mit Patentklagen ein. Diese kämpfen zwar auch mit aller Härte. Dennoch bleibt das Gefühl bestehen, dass hier ein mächtiger Platzhirsch die Konkurrenz mit allen Mitteln aus dem Ring werfen will. Auch dies erinnert an Microsoft: Der Konzern verdrängte einst den Netscape Navigator dank Marktmacht mit seinem Internet Explorer.

Die Kunden von Apple sollten dem Konzern ebenfalls nicht blind vertrauen. So sorgte erst im April ein Datenskandal für Aufsehen. Apple hatte die Standortinformationen von Millionen iPhone-Nutzern gesammelt und gespeichert. Diese Daten sind wertvoll, da so künftig gezielte Werbung auf die Handys geschickt werden kann. Die Erlaubnis dazu versteckte Apple im Kleingedruckten der Geschäftsbedingungen. Ähnliche Skandale gab es bereits bei Google und anderen Firmen. Doch während der Internetkonzern inzwischen als Datenkrake gilt, perlten die Vorwürfe an Apple nahezu rückstandsfrei ab.

In den vergangenen Jahren war die Welt fasziniert von Apples innovativen Produkten und steigendem Aktienkurs. Die geniale Marketingmaschine bei Einführung neuer Handys tat ihr Übriges. Ob dies nach dem Abgang von Steve Jobs so bleiben wird, ist offen.

Auf jeden Fall sollte auch Apple künftig mit "normalen" Maßstäben gemessen werden - und die Öffentlichkeit sich nicht mehr durch glänzende Oberflächen und polierte Apfellogos blenden lassen.

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