Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Lohn-Runde"

Ausgabe vom 26.8.2011

Wien (OTS) - Bei den bevorstehenden Lohnverhandlungen der österreichischen Sozialpartner geht es - so wie immer - bloß ums Geld. Einen ordentlichen Anteil an der guten Wirtschaftsentwicklung wolle man heraus verhandeln, sagt der Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Erich Foglar.

Bei einem Wachstum von fast drei Prozent und einer Inflationsrate von ebenfalls fast drei Prozent könnte sich da schon eine hübsche Prozentzahl ergeben. Augenmaß wird von Arbeitgeberseite gefordert werden, die Wachstumsprognosen gehen runter, die Unsicherheiten sind groß. Man dürfe die Betriebe nicht überfordern.
So weit, so bekannt. Das Ritual wird abgespult werden - so wie jedes Jahr.

Ein Blick auf den Arbeitsklima-Index zeigt aber, dass viele Arbeitnehmer andere Sorgen plagen. Der Arbeitsdruck sei hoch, "burn-out" ist zur Massen-Krankheit geworden.

Wäre es Zeit für eine Arbeitszeit-Verkürzung? Vermutlich. Wäre es Zeit für flexible Arbeitszeitmodelle, bei denen Arbeitnehmer nach intensiver Arbeit gleich mehrere Tage frei haben? Vermutlich.
Es wird in Österreich nichts davon geschehen, am Ende wird es um Zehntelprozentpunkte gehen, und deren finanzielle Auswirkungen auf diese und jene Branche. Die Hauptverantwortung dafür tragen die heimischen Unternehmen. Vielen Betrieben ist es zu mühsam, die vorhandene Arbeitsleistung individueller zu organisieren.
Nicht nur Arbeitslosigkeit begünstigt die "Ich-AG", sondern auch von den Betrieben durchgezogene starre Arbeitszeiten. Wer außerhalb "nine-to-five" einen Job sucht, hat es oftmals gar nicht so leicht.

Auch die österreichische Sozialversicherung hat eine recht antiquierte Vorstellung von sogenannter "unselbstständiger Tätigkeit". Nun soll hier nicht einem Sozial-Dumping das Wort geredet werden, sehr wohl aber einer innovativen Lohnrunde.
Wer arbeitet, soll gut verdienen. Dass die Unternehmensgewinne stark steigen, die Nettolöhne aber kaum, ist sicher nicht im Sinne des Erfinders. Aber Platz für Individualität und persönliche Verhältnisse sollte dabei schon auch bleiben.

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