TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 11. August 2011, von Mario Zenhäusern: "Dokumentation des Versagens"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die Probleme der Lebenshilfe Tirol sind nicht erst heuer entstanden: Jahrelang haben Führungsspitze und Aufsichtsrat es verabsäumt, auf das explosionsartige Wachstum zu reagieren. Der jetzige Schlussstrich ist auch eine Chance.

Der Endbericht der Expertenkommission in Sachen Lebenshilfe ist der vorläufige Schlusspunkt einer öffentlichen Debatte, die über weite Teile untergriffig geführt wurde. Das 13-seitige Papier ist nicht mehr und nicht weniger als eine Dokumentation des kollektiven Versagens: erstens der früheren Lebenshilfe-Spitze, die sich im Laufe der Jahre weit vom eigentlichen, humanitären und sozialen Gedanken der Lebenshilfe entfernt hat, und zweitens des Aufsichtsrates. Der ist seiner Funktion als Kontrollorgan nicht oder nur sehr bedingt nachgekommen und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, vieles von dem, was jetzt zu Recht angeprangert wird, geduldet zu haben.
Die Lebenshilfe Tirol ist in den 47 Jahren seit ihrer Gründung nicht nur gewachsen. Sie ist regelrecht explodiert. Derzeit betreuen rund 1000 Mitarbeiter in 79 Einrichtungen und 111 Wohngemeinschaften mehr als 1200 Personen mit Behinderung.
Auf dieses rasante Wachstum haben die Verantwortlichen viel zu träge reagiert. Der Versuch, die inneren Strukturen an die neuen Bedingungen anzupassen, der Lebenshilfe ein ihrer Größe entsprechendes Management zu verpassen, verpuffte. Er musste verpuffen, weil die wahren Machthaber in der Lebenshilfe auch danach schalteten und walteten, wie sie wollten.
Die Rücktritte des Präsidenten sowie des früheren Direktors auf der einen sowie die Neuausschreibung der Geschäftsführung auf der anderen Seite machen jetzt den Weg frei für einen soliden Neuanfang. Der Expertenbericht ist dabei so etwas wie eine Checklist, was zu tun, vor allem aber, was künftig zu unterlassen ist.
Was im Bericht nicht steht, was aber trotzdem unbedingt notwendig ist, um verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen, ist totale Transparenz. Es kann und darf nicht sein, dass die Lebenshilfe für ihre Klienten Millionenbeträge von Land und Bund kassiert, den Hauptfinanziers aber jede Einsicht in die Bücher verweigert. Wer öffentliche Gelder bekommt, muss Rechenschaft darüber ablegen, wie er diese Gelder verwendet hat. Dieser Grundsatz muss auch für die Lebenshilfe gelten.
Detail am Rande: Das Land Tirol hat sich bisher damit begnügt, der Lebenshilfe über einen (von LH Herwig van Staa mit dem Lebenshilfe-Präsidenten Hanspeter Zobl ausverhandelten) Rahmenvertrag jährlich an die 40 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. In Zukunft wird wohl ein Vertreter des Landes im Aufsichtsrat sitzen. Wie überall sonst auch, wo das Land Hauptgeldgeber ist.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001