"Die Presse" - Leitartikel: Die armen Konsum-Anarchisten und ihre Apologeten, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 10.8.2011

Wien (OTS) - Das brennende Interesse der britischen Randalierer
gilt nicht den Folgen der Finanzkrise, sondern den Markenturnschuhen und iPhones, die sie klauen.

Es begann, wie Krawalle schon öfter begannen. Die Londoner Polizei erschoss vergangene Woche in Tottenham einen 29-jährigen Farbigen names Mark Duggan. Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt. Umstritten ist auch die Identität des Mannes. Die einen stellen ihn als bewaffneten Kriminellen aus dem Drogenmilieu dar und verweisen auf einschlägige Fotos in Gangsterpose, die anderen als liebevollen Vater von vier Kindern.

Jedenfalls versammelten sich vergangenen Samstag vor der Polizeistation in der Tottenham High Road ein paar Dutzend Demonstranten, um (zunächst noch friedlich) zu protestieren. So weit, so nachvollziehbar. Was sich jedoch danach ereignet hat, lässt sich rational nicht mehr so leicht dechiffrieren. Es brachen Unruhen aus, wie sie Großbritannien seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Erst in Tottenham, dann in anderen Gegenden Londons, um später auf weitere Städte wie Birmingham, Liverpool oder Bristol überzugreifen.

Die Briten sind Kummer und Hooligans gewöhnt. Aber eine derart massive Entladung primitiver Gewalt raubte auch ihnen den Atem - und vereinzelten Randale-Verstehern offenbar auch den Verstand. Man müsse die Unruhen im Kontext sehen, forderte die Philosophin Nina Power in ihrer Kolumne im linksliberalen "Guardian", im Kontext nämlich der "brutalen Kürzungen und verschärften Sparmaßnahmen" der Regierung Cameron sowie natürlich der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Man darf davon ausgehen, dass dieses klassische, jegliche persönliche Verantwortung ausblendende Argumentationsmuster alt-marxistischer Schule fröhliche Nachplapperer findet: Schuld sind nicht die bemitleidenswerten Plünderer und Brandstifter, sondern die Verhältnisse.

Die Zerstörungswut vermummter Idioten in dieser Form zur Avantgarde des Widerstands der Entrechteten zu adeln ist absurd. Von den Radaubrüdern sind (zu unser aller Glück vermutlich) nicht einmal Halbsätze politischer Rechtfertigungsrhetorik überliefert. Vermutlich wären die meisten dazu auch nicht in der Lage. Der Ausdruck ihrer brennenden Interessen galt nicht den Folgen der Finanzkrise, sondern Plasmabildschirmen, Turnschuhen, iPhones und Klamotten, die sie davontrugen. Sie wollten keine Debatten entfachen, sondern Autos, Häuser und Polizeistationen anzünden. Durch Londons Straßen zieht nicht eine neue Generation besonders empörter Bürger, sondern ein Haufen blindwütiger Konsum-Anarchisten, die das Abenteuer im Kleinkrieg gegen eine überforderte Polizei suchen.

Diese Typen machen sich keine Gedanken, weder politische noch über die eigene Zukunft. Es greift deshalb auch zu kurz, auf die im britischen Maßstab hohe Arbeitslosigkeit in den Krawallgegenden hinzuweisen. 8,8 Prozent der Einwohner haben keinen Job in Haringey, dem Bezirk, zu dem Tottenham gehört. Das ist auch nicht wirklich ein guter Grund, um dem Nachbarn die Bude abzufackeln. Wenn die Spanier und Portugiesen ähnlich auf Arbeitslosigkeit reagierten, wäre die Iberische Halbinsel schon abgebrannt.

Abseits der persönlichen Verantwortung der Zündlerbrigaden muss man angesichts des (kurzen?) britischen Sommers der Anarchie doch auch eine gesellschaftliche Frage stellen: Wie ist es möglich, dass mitten in London derart viele Asoziale aufwachsen? Denn anders als asozial kann nicht genannt werden, wer weder die öffentliche Ordnung noch den Privatbesitz von Nachbarn achtet. Was ist da schiefgelaufen? Von einer "zerbrochenen Gesellschaft" in Großbritannien sprach der konservative Politologe Philip Blond schon vor einigen Jahren; heute ist er einer der Berater von Premier Cameron.

Laut Blond haben mehrere Faktoren die sozialen Bindungen geschwächt:
Die 68er-Revolution habe alte Tugenden zersetzt; Marktkräfte hätten lokale Strukturen zerstört, also eine Art Greißlersterben ausgelöst; und der Wohlfahrtsstaat habe das soziale Prinzip gegenseitiger Hilfe ersetzt. Im Endeffekt seien Nachbarn zu Fremden geworden. Lösen wollen Blond und Cameron das Problem durch Zulassen und Fördern von Eigeninitiative und Selbstorganisation in den Kommunen. Sie haben viel zu tun in London und Umgebung.

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