DER STANDARD-KOMMENTAR "Ramadan-Botschaft aus Riad" von Gudrun Harrer

Saudi-Arabiens Kritik am syrischen Regime richtet sich auch gegen den Iran - Ausgabe vom 9.8.2011

Wien (OTS) - Und sie bewegen sich doch, die Araber, und äußern sich zu Syrien - wenn auch im Vergleich zu Libyen, wo sie ja ziemlich schnell sogar ein militärisches Eingreifen der Nato duldeten oder unterstützten, im Schneckentempo. Diese Diskrepanz zwischen den Libyen- und den Syrien-Reaktionen teilen die arabischen Staaten jedoch mit dem Rest der Welt.

Die Arabische Liga hat sich bisher nur eine Erklärung abgerungen. Sie wird seit kurzem von Nabil Elaraby geleitet, zuvor postrevolutionärer Außenminister Ägyptens, dessen Sympathien mit den arabischen Volksbewegungen ganz eindeutig sind. Als Liga-Generalsekretär - ein Posten, gegen den er sich lange wehrte - muss er sich nun nach den langsamsten Mitgliedern der trägen Organisation richten. In Bezug auf Syrien gibt es eine Arabische Liga der zwei Geschwindigkeiten. Die Staaten des Golfkooperationsrats GCC (Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Oman) - überholen alle anderen und stellen das syrische Regime offen an den Pranger.

Ausgerechnet: Es handelt sich um jenen Teil der arabischen Welt, in dem die am wenigsten partizipatorischen politischen Systeme überhaupt zu Hause sind. Allein angesichts von Debatten über mögliche konstitutionelle Monarchien am Golf pflegt Riad in nervöse Zuckungen zu fallen. In Bahrain wurde die Protestbewegung, die am Anfang viel weniger als das forderte, mithilfe der Truppen der Golfkooperationsstaaten niedergeschlagen.

Die GCC-Staaten argumentieren, das sei keine Volksbewegung, sondern eine vom Erzrivalen am Golf, Iran, mobilisierte schiitische fünfte Kolonne gewesen. Mit eigenen schiitischen Protesten geht Riad äußerst repressiv um. Tatsächlich spielt der Iran auch bei den schlechten saudisch-syrischen Beziehungen eine große Rolle. Mit seiner Allianz mit dem Iran - der dem Regime angeblich auch hilft, den Aufstand niederzuschlagen - verrät Assad in den Augen der Saudis täglich die arabische Sache.

Am deutlichsten schlagen sich diese divergierenden Interessen in der libanesischen Politik nieder. Hier die iranisch-syrisch gesponserte Hisbollah, da der sunnitische antisyrische Block von Saad Hariri mit seinem Protektor Saudi-Arabien. Und für den Mord an Rafik Hariri steht zwar momentan nicht mehr Syrien direkt, aber dafür die Hisbollah unter Verdacht. Die Geste Riads ist nicht nur eine Maßregelung Assads, sondern auch eine Botschaft an die -Hisbollah-gestützte - Regierung in Beirut. Die libanesische Wirtschaft ist von Saudi-Arabien schwer abhängig.

Die antisyrische GCC-Avantgarde war übrigens das kleine Katar, das auch den TV-Sender Al-Jazeera gegen Assad von der Leine gelassen hat - ein Faktor bei der Meinungsbildung in der arabischen Welt, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Katar, dem selbst jede Demokratie fremd ist, unterstützt nun systematisch alle (sunnitischen) Volksproteste in der arabischen Welt: Auch das kann Saudi-Arabien, dem der katarische Protagonismus gehörig auf die Nerven geht, veranlasst haben, da nachzuziehen.

Dazu kommt der ganz spezielle Moment, in dem das Gemetzel in Syrien stattfindet: der Ramadan. Der Hüter der heiligen Stätten des Islam, der König Saudi-Arabiens, tritt als Schutzherr der Muslime auf - die in Syrien von einem Alawiten, Assad, umgebracht werden, dem kein saudi-arabischer Mufti das Zeugnis ausstellen würde, überhaupt ein Muslim zu sein.

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