DER STANDARD-Kommentar "Gratispille und Plastikföten" von Michael Möseneder

Ausgabe vom 5.8.2011

Wien (OTS) - Gibt es ein Recht auf Abtreibung in einem Spital?
Nein. Sollte es ein solches geben? Ja, durchaus. Dahinter kann ein Wunsch nach größerer Anonymität stehen - vor einem Krankenhaus stehen sicher keine radikalen Abtreibungsgegner und drängen Frauen Plastikföten auf. Oder der Wunsch nach Sicherheit, damit etwa bei einer Komplikation sofort medizinische Hilfe da ist.
Für die meisten Österreicherinnen, die ihr Kind nicht zur Welt bringen wollen, gibt es diese Möglichkeit ja schon. Allerdings nicht im "heiligen Land Tirol", wie es sich in der Landeshymne nennt, in Vorarlberg, wo man landesgesangsmäßig lebt, bis einen "der liebe Herrgott" ruft. Und im Burgenland, auf dem auch "Gottes Vaterhand" ruht.
Zufall oder nicht, in diesen Ländern herrscht jedenfalls heftiger Widerstand gegen die Pläne von Gesundheitsminister Alois Stöger, öffentliche Krankenhäuser zu einem Schwangerschaftsabbruch zu verpflichten. Ein ebensolcher kommt vom Koalitionspartner ÖVP und wenig überraschend von der katholischen Kirche. Auch wenn diese teils nachvollziehbare Argumente liefern - an der Lebenswirklichkeit gehen sie lichtjahreweit vorbei.
Will man Abtreibungen vermeiden, sollte man einen ganz anderen Weg wählen. Einen, den die USA vormachen: Dort müssen ab 2012 Krankenversicherungen Verhütungsmittel zahlen. Denn Frauen, die nicht schwanger werden, kümmert es wenig, wo man abtreiben kann.

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