WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Keiner will zum Glück gezwungen werden - von Esther Mitterstieler

Die Kammer sollte sich den Gesetzen des Marktes stellen

Wien (OTS) - Es ist eine beachtenswerte Diskussion, die der Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler losgetreten hat. Diesmal muss man sagen: Gar nicht zu Unrecht. Dass eine Gewerkschaft abgeschafft gehört, ist wohl ein frommer Wunsch auch vieler Unternehmen und sollte es auch bleiben. Schließlich gehören Gewerkschaften zu einer modernen Gesellschaft dazu wie die Panier zum Wiener Schnitzel. Gewerkschaften haben die Aufgabe, Arbeitnehmer zu vertreten. Und das ist gut so. Was sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten dennoch sträflich vernachlässigt haben, ist genau diese ureigenste Aufgabe: Indem Gewerkschaften europaweit die Rechte der privilegierten Arbeit-Habenden einbetonieren, nehmen sie den Arbeit-Suchenden damit oft jede Möglichkeit, wieder in den Wirtschaftskreislauf einzusteigen. Also ein bisschen mehr Farbtupfer und etwas weniger Beton würden gut tun. Die Gewerkschaften müssen die Chance haben, sich auf einem neuen Weg zu beweisen.

In einem Punkt hat Dörfler Unrecht: Wozu Arbeiterkammer und Gewerkschaften miteinander verweben? Wenn schon, dann bräuchte es einen klaren Schnitt, und die Zwangsmitgliedschaft bei der Arbeiterkammer gehörte aufgelöst, ebenso wie die aller anderen Kammern auch in diesem Land der Zwangsbeglückung.

Aber während ein Herr Wolfgang Eder als Voestalpine-Chef schon einmal die Beiträge für die Wirtschaftskammer kurzzeitig einbehalten konnte, wenn auch nur als Zeichen seiner Ablehnung, ist unsereine(r) als kleines Zwangsmitglied der Arbeiterkammer lebenslang gebunden. Ob sie/er will oder nicht. Viele Unternehmen schimpfen hinter vorgehaltener Hand genauso über diese Zwangsmitgliedschaft wie wir über unsere. Und dann ist damals der Regierung Gusenbauer nichts Besseres eingefallen, als den Kammer-Status auch noch per Verfassungsgesetz einzuzementieren. Da gilt wieder die altbekannte Mentalität: Kammern hatten wir schon immer, und besser doppelt zahlen als einmal einen Widerspruch herausfordern. Die Wirtschaftskammer begleitet die Unternehmen ins Ausland, die Industriellenvereinigung vertritt ihre Interessen. Für die IV zahlen die Unternehmen freiwillig, für die WKÖ nicht. Die Kammer bietet gute Dienste, warum sollte sie sich nicht den Gesetzen des Marktes stellen, die sie selbst oft genug einfordert?

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