"Die Presse" - Leitartikel: Ausweitung der Spielzone beim Festival in Salzburg, von Norbert Mayer

Ausgabe vom 01.08.2011

Wien (OTS) - Bei den Festspielen wird in diesem Sommer beim
Theater wieder ordentlich geklotzt. Das muss so sein, weil die hohe Erwartungshaltung zum Erfolg verdammt.

Vor dem großen "Faust"-Projekt auf der Pernerinsel war bei den Veranstaltern in Salzburg recht große Nervosität zu spüren. Zu Recht, denn falls Nicolas Stemanns ehrgeiziges Monstertheater frei nach Goethe beim Publikum scheiterte, wäre das eine fast so große Katastrophe, als ob der "Jedermann" auf dem Domplatz floppte. Salzburg verspricht Erstklassiges, die Kartenpreise auf den vielen besseren Plätzen spiegeln das wider, aber halb leere Säle kann man sich nicht einmal bei einer dieser fünf Produktionen leisten. Alle müssen sie Geld einspielen. Man geht aber gezwungenermaßen voll auf Risiko: nur Uraufführungen und Premieren, also Spannung bis zum Schluss.
Bereits nach dem ersten Wochenende können die Intendanz und Schauspielchef Thomas Oberender ein wenig aufatmen. Der "Jedermann", saturiert, volksnah und in Starbesetzung, ist überbucht wie eh und je. Stemanns "Faust" ist zwar von der Kritik ambivalent aufgenommen worden (vorherrschend euphorisch der erste, ablehnend der zweite Teil), aber es zählt das Publikum. Gäbe es ein Applausometer, müsste man nach der Premiere sagen: Gerichtet in der Theorie, gerettet von den Zusehern. Und außerdem: Wer gäbe nach acht Stunden Aufführung gern zu, dass diese misslungen wäre? Allein das Ausharren ist ein sportlicher Erfolg. Oder, frei nach Rilke: Wer spricht von Vergnügen? Überstehen ist alles!

Am Samstag gab es dann wieder einen Erfolg zu vermelden: Die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Kammerspiel "Die vier Himmelsrichtungen" ist gelungen. Auch hier glänzten so wie bei "Faust" Stars aus Deutschland. Jetzt müssen also nur noch Handkes neues Stück "Immer noch Sturm" und Will Shakespeares "Maß für Maß" mit Gert Voss als Zugpferd gelingen, dann kann Oberender in einer prächtigen, für ihn letzten Saison Bilanz ziehen. Das "Young Directors Project" (YDP), gar nicht so jung, wie behauptet, sondern meist schon ziemlich erprobt, wird das nur marginal beeinflussen. Die großen, aufwendigen Produktionen werden meist in Kooperation mit großen Häusern wie dem Burgtheater gemacht. In diesem Jahr sind es Partner aus Hamburg und Berlin. Der Ehrgeiz aber, dass Salzburg das Erstlingsrecht auf Uraufführungen und Premieren hat, birgt auch Risken. Anders als etwa bei den Wiener Festwochen, bei denen man Bewährtes, manchmal ein Jahrzehnt Altes kredenzt bekommt, setzt man hier auf Exklusivität. Salzburg wird dadurch aber zur Versuchsstation. Bei "Faust" zum Beispiel konnte man bei der Premiere weit vor dem zweiten Teil den Eindruck gewinnen, dass man einer ambitionierten Probe zusieht.

Das war in diesem Fall wahrscheinlich sogar Konzept. Diese Philosophie dürfte auch dem scheidenden Schauspielchef liegen. Er hat in seinem letzten Jahr die Lust an der Ausdehnung des Begriffs Theater richtig ausgelebt. Neue Aufführungsorte sind vor allem für das YDP dazugekommen, die Edmundsburg, in der sich auch das Stefan-Zweig-Museum befindet, steht für den Diskurs zur Verfügung, was zu begrüßen ist. Aber auch in anderer Hinsicht hat sich Oberender an die Ausweitung der Spielzone gemacht. Auf Schloss Leopoldskron gibt es erneut einen "Sommernachtstraum" zu sehen, der Drama, Film und Kulinarisches vereinigt: Picknick im einstigen Park des Festspielmitbegründers Max Reinhardt - auf diese barocke Idee musste ein ostdeutscher Theatermann kommen!
Der wörtlich genommene Gedanke, Feste zu feiern, wurde auch auf der Pernerinsel in langen Pausen verwirklicht. Zuerst kommen Monolog, Nacht und Kerker, dann folgt die Jause im Pausenhof. Noch konsequenter wäre es gewesen, wenn Regisseur Stemann mit seiner Liebe zu Live-Mitschnitten das Society-Schmausen per Video festgehalten hätte. Dieser Trend könnte noch ausgebaut werden: Festtafeln für Besucher auch bei "Jedermann". Oder gar einen Festgottesdienst auf dem Domplatz nach der Rettung, bei dem der Erzbischof den Schaulustigen die Absolution erteilt. Henz und Kunz wären begeistert. Alles schon da gewesen - zumindest in barocken Zeiten.

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